Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 4.1909

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BEMERKUNGEN.

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durch Vorführung einer beweglichen Scherzfigur in mündlicher Umfrage festzustellen,
aus welchen Voraussetzungen sich die Wirkung des Komischen in diesem Falle
ergebe. Die Meinung ging im allgemeinen dahin, daß in der Vorstellung des Be-
trachters eine Art phantasievoller Belebung der Puppe vollzogen werde. — Eine
Besprechung des Hamannschen Vortrages fand erst in der Sitzung vom 17. Juni
statt. In ihr wurde unter anderem gegen den Begriff der Organisation von innen
geltend gemacht, daß den Motiven dieser Art als einem indirekten Ausdrucksmittel
eine vollwertige plastische Wirkung nicht zugeschrieben werden könne. Im An-
schluß an dasselbe Thema erörterte Herr Wulff einzelne Entwicklungsphasen der
plastischen Darstellung des Gewandes an kunstgeschichtlichen Parallelbeispielen.
Sodann sprach Herr Waetzoldt über Farbenempfindung und Farbenbezeichnung.
Der Vortrag hatte den gleichen Inhalt wie der im nächsten Heft zu veröffentlichende
Aufsatz.
Am 7. Juli wurde im Anschluß an Herrn Waetzoldts Vortrag darüber diskutiert,
ob es für kunstwissenschaftliche Zwecke möglich und erforderlich sei, zu einer völlig
exakten Festlegung der angewandten Farbentöne (nach Helligkeitsstufe, Sättigung,
Komplementärwert u. s. w.) zu gelangen. Es folgte eine Mitteilung des Herrn Emile
Haguenin über die literarische Kritik in Frankreich. Der Vortragende erinnerte
an den Streit über die drei Einheiten, der im Jahre 1637 die allgemeine Aufmerk-
samkeit auf die Bedingungen der dramatischen Kunst lenkte, und an den im 19. Jahr-
hundert ausgefochtenen Streit zwischen der klassischen und der modernen Richtung.
Der Typus der klassischen Richtung wird durch Lemercier (1810) dargestellt. Seine
Zergliederungen und Verfahrungsweisen sind wertvoll, seine Ergebnisse oft töricht,
so wenn er für die Tragödie 25 Regeln findet, für die Komödie 22, für das Epos 23.
Seine Irrtümer und Übertreibungen kommen der romantischen Kritik zu gute, die
ihrerseits nicht eigentlich ästhetisch ist, sondern sich auf geschichtliche Gesichtspunkte,
auf allgemeine und persönliche Umstände stützt. Der romantischen Kritik hat sich
Taine angeschlossen; im Gegensatz zu ihm hat Emile Hennequin die überlieferte,
klassische, nach ästhetischen Gesichtspunkten verfahrende Kritik wäederhergestellt.
In derselben Sitzung wurde eine Kommission gebildet, die für eine Erweiterung
und Verfestigung des bis dahin nur kleinen und locker gefügten Kreises Sorge tragen
sollte. Die Vorschläge dieser Kommission wurden in der ersten Zusammenkunft
nach den Ferien, am 10. November, von der Versammlung angenommen; sie sind
kenntlich aus der Zusammensetzung des Vorstandes und den Satzungen. Der Vor-
stand besteht im laufenden Jahr aus den folgenden Herren: dem Prof. Dr. Max
Dessoir, dem Schriftsteller Julius Hart, dem Prof. Dr. Max Herrmann, dem Musik-
schriftsteller Dr. Leopold Schmidt, dem Privatdozenten Dr. Alfred Vierkandt, dem Prof.
Dr. Heinrich Wölfflin und dem Privatdozenten Dr. Oskar Wulff. Die Satzungen zer-
fallen in fünf Bestimmungen. 1. Die Vereinigung für ästhetische Forschung verfolgt
den Zweck, durch Vorträge und mündlichen Gedankenaustausch zwischen Vertretern
philosophischer, historischer, ethnologischer und naturwissenschaftlicher Kunst-
forschung sowie theoretisch interessierten Künstlern die Anschauungen über Wesen
und Aufgaben der Kunst und der einzelnen Künste zu vereinheitlichen und zu ver-
tiefen. 2. Die Verhandlungen und Geschäfte der Vereinigung werden von einem aus
sieben Mitgliedern bestehenden Vorstande geleitet, der auf Jahresfrist gewählt wird.
3. Die Zusammenkünfte finden an jedem dritten Dienstag der Monate Januar bis Juni
und Oktober bis Dezember statt. Die Teilnehmer werden über Ort und Zeit und
Gegenstand der Verhandlung jedesmal benachrichtigt. 4. Der Beitritt zur Vereini-
gung und die Aufnahme von Gästen wird durch den Vorstand vermittelt. 5. Die
ständigen Teilnehmer haben im Januar einen Jahresbeitrag von 5 Mark zu zahlen.
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