Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 4.1909

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AUGUST DÖRING.

das Schöne der Wirklichkeit und der Kunst im einzelnen durchzuführen,
oder auch nur das Verfahren dieser Verifikation in Übersicht zu ver-
folgen. Nur auf das Prinzip dieser Verifikation, den nervus probandi,
sei noch mit einem Worte hingewiesen. Es besteht darin, daß die
unter »Wesen und Arten des Schönen« durch Analyse hypothetisch
gewonnenen Gesichtspunkte sich auf beiden Gebieten, dem Schönen
der Wirklichkeit und der Kunst, überall als geeignet bewähren, die
ästhetischen Wirkungen zu erklären, und daß eine nach dem Schema
des analytischen Teils durchgeführte Systematisierung der Arten des
Schönen auf beiden Gebieten sich zu einem lückenlosen, alle bezüg-
lichen Erscheinungen umfassenden Systeme zusammenschließt und
nirgends auf eine Gegeninstanz trifft. Selbstverständlich haben diese
beiden verifikatorischen Abschnitte zugleich auch noch die Bedeutung,
über die ganze Mannigfaltigkeit des tatsächlich vorkommenden Schönen
eine systematische Übersicht zu gewähren und damit einer wesent-
lichen, an ein System der Ästhetik zu stellenden Anforderung zu ge-
nügen.
Damit sei denn diese gedrängte Übersicht geschlossen! Möchte sie
trotz ihrer Gedrängtheit wenigstens den Eindruck hinterlassen, daß es
der größten Achtsamkeit bedarf, bei der Deutung des Wesens des
Schönen nicht erhebliche Gebiete des tatsächlich vorhandenen Schönen
unbeachtet beiseite liegen zu lassen und somit statt eines das Ganze
einfangenden Begriffsnetzes nur eine unzulängliche, einem großen Teile
der Erscheinungen gegenüber versagende Schablone zu bieten. Denn
eben in der außerordentlichen Mannigfaltigkeit der unter einen Be-
griff zusammenzufassenden Gestalten des Schönen hat das alte Plato-
nische Urteil seine Berechtigung: XaXsnöv zö xaXov.
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