Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 6.1911

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290 BESPRECHUNGEN.

höhte psychische Euphorie und das gesteigerte Vitalgefühl, die megalomanische Ich-
vergrößerung eines aufgeregten armen Kranken.

Hat dort, wo die künstlerische Art Nietzsches aus den Ursachen verständlich
gemacht werden sollte, die Heranziehung der verschiedensten Persönlichkeiten zu-
weilen gestört, indem sie die willkürliche Einführung von Kausalmomenten bedeutete,
so sind in diesen Kapiteln der zweiten Buchhälfte, welche ausschließlich oder
wenigstens vornehmlich charakterisieren wollen, Ldie vielen Vergleiche ebenso be-
lehrend wie reizvoll. Beständig weist der Verfasser, wenn er eine Kunstweise
Nietzsches erläutert, auf andere, meist rein belletristische Schriftsteller hin, die bei
dieser oder jener Gelegenheit sich derselben Weise bedient haben, und dadurch
wird das Bild von den ästhetischen Eigentümlichkeiten der Werke des Dichter-
philosophen ein viel schärferes, klareres, dauerhafteres. Ohne daß die Analogie im
geringsten das Individuell-Charakteristische verwischen oder verdunkeln würde, läßt
sie das Typische um so lebhafter hervortreten. Nur eines macht einen höchst selt-
samen Eindruck, der jedoch bei ein wenig anderer Stilisierung leicht hätte vermieden
werden können, — nämlich das Auftreten von Poesiegestalten, imaginären Ge-
schöpfen mitten unter den historischen Erscheinungen, zu welchen der Autor
Nietzsche in Parallele setzt. Dreimal wird dieser mit Hamlet verglichen, einmal
die Ähnlichkeit sogar pedantisch genau ausgeführt, und auch die Zusammenstellung
mit Mephisto, Dionysos, Faust und dem Hanswurst der Volkskomödie muß er sich
gefallen lassen, damit sich seine künstlerische Natur dem Leser vollkommen er-
schließe. Das scheint denn doch überflüssig. Wenn man aber schon prinzipiell
das Verfahren billigen will, weil ja schließlich nur eine der sogenannten ästhetischen
»Umkehrungen'< — Interpretation der Wirklichkeit durch die Kunst — vorliegt und
die Vergleichung mit sehr bekannten Erzeugnissen der dichterischen Phantasie, man
denke an die Spitznamen »Fallstaff«, »Percy Heißsporn« usw.! — in der Tat
eine Charakteristik ergänzen oder teilweise ersetzen kann, so müßte doch, wie ge-
sagt, die Sache anders gemacht werden. Aber auf Luther, Lessing, Fichte kurzweg
Hamlet folgen zu lassen, noch dazu mit der unglücklichen Einleitungsformel: »Auch
Hamlets; usw., und sodann Hamlet wieder abzulösen durch Heine, Lichtenberg,
Chamfort, das ist jedenfalls ein Stilfehler, wenngleich der Leser aus eigenem sofort
Shakespeare an Stelle Hamlets setzt.

Hiermit dürften die wichtigsten Punkte der Arbeit berührt sein. Von einzelnen
Sätzen, die durch Inhalt oder Stilisierung Bedenken herausfordern, mögen noch
folgende angestrichen werden. Wenn Seite 31 Fichte, der große Philosoph der
Romantiker, als Prediger des Ichs ein Vorläufer Nietzsches« genannt wird, so ist
das wohl die denkbar wunderlichste Verkennung der Lehre, welcher die ganze
Welt als -das versinnlichste Material der Pflicht erschien und welche höchstens in
dem Grundsatz der »Fernstenliebe« eine Spur ihr verwandten Geistes aufschimmern
sähe, während ihr sonst die hedonistische Hammerphilosophie der Greuel aller
Greuel hätte sein müssen. Daß man auch schon von anderer Seite den Schöpfer
dieser Lehre »als Nietzsches näheren Geistesverwandten«, das Fichtesche Ich »als
gedankliche Vorstufe des Übermenschen bezeichnet« hat (S. 38), will ich nicht
leugnen; aber, daß man es »mit Recht« getan hat, wie der Verfasser behauptet,
muß ich um so entschiedener in Abrede stellen. Überwältigend komisch wirkt es,
wenn Eckertz auf der nächsten Seite gar »von der einwandfreien Glätte und Form-
schönheit in der Sprache Fichtes« redet und sie zur »ungefeilten Gelassenheit David
Straußens und seiner Landsleute in Gegensatz bringt. Ob er wohl je in eine
der späteren Fichteschen Schriften, z. B. die Darstellung der »Wissenschaftslehre«
aus dem Jahre 1810, einen Blick geworfen und in den gelehrten Originalausgaben
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