Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 6.1911

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BAADER ALS KUNSTPHILOSOPH. 527

höheren Einheit verschlungen und gebunden sind (XIII, 813). Alles
Ewige ist sonach ein Dreiklang (XIV, 120), eine Dreieinigkeit (vgl.
XIV, 135)1). Versöhnt sind im Ewigen insbesondere die Gegensätze
von Beharrung und Bewegung, Freiheit und Notwendigkeit, Einheit
und Vielheit, Geistigkeit und Natürlichkeit2). Dies »Eine, Einende«
aber (VIII, 84), das principium unionis ist die Liebe3). Sie ist das
eigentlich »konsubstanziierende« (VI, 81), das wahrhaft »organische,
organisierende Prinzip« (VI, 15). Wenn Baader im Anschluß an
J. Böhme von »Idea« spricht, so meint er nichts anderes als die Liebe.
Denn die Idea ist der »Geist Gottes«, welcher die Liebe ist (1. Joh.
4, 16; IV, 186; 111,306). Das durch Liebe Verbundene, in ihr Geeinte
nennen wir Leben (Cwtj) im Sinne des Neuen Testamentes (vgl. Ev.
Joh. 1, 4; 17, 6; Rom. 6, 23; XIV, 124). Ewigkeit also ist Leben in
Liebe. Mit Liebe und Leben aber fallen Wahrheit, Gutheit, Seligkeit
und Schönheit zusammen. Der Inbegriff aller dieser aber ist Gott.
Er ist »das Coeur-Centre der Welt« (IV, 195). So mündet Baaders
Metaphysik in Theologie.

Alle Dinge leben nur vermöge ihrer Teilhaftigkeit (u.s&e£ic) am
Ewigen, ihrer Durchdringung mit Ewigkeitsgehalt. Das Ewige ist also
nicht jenseits der Welt, sondern in der Welt. Der transzendente
Gottesbegriff derDeisten4) wird abgewiesen; er sei jüdisch (VII, 266),
prosaisch, mechanistisch (Dieu-machine, V, 268); auch der »moderne
Hyperspiritualismus« wird verworfen (XIV, 456). In jedem Dinge
findet sich Same des Ewigen, der ihm innewohnt (XIV, 156, 341).
Was wir das Ideale an den Dingen zu nennen gewohnt sind, ist eben
dieser ihr Ewigkeitsgehalt, ihre höhere, d. h. ihre ewige Natur. Auch
die Natur ist der Anlage nach ewig (XIV, 458). Ewiges Leben heißt
daher nicht Abtun der Natürlichkeit, vielmehr Durchdringung der Natur
mit der Idee (XIV, 119, 425; VIII, 208 mit Tauler und Böhme). Selbst
der absolute Geist ist der Natürlichkeit nicht entkleidet (XIV, 381).
Wir haben uns also nicht der Natur, wohl aber der Verderbtheit der
sinnlich-materiellen Natur zu schämen (V, 19). Ist es hiernach zu miß-
billigen, daß wir die leibliche Natur anbeten, so ist es doch auf der
anderen Seite nur zu fordern, daß wir sie lieben; mit jener Liebe
nämlich, die Gott uns armen gefallenen Menschenkindern erweiset
(IV, 198) — um des Ewigkeitsberufes willen, der in uns liegt. Diese
Liebe ist Gnade, welche sich »geniedet«, d. h. herabläßtB) (IV, 192),

') Vgl. Ciaaßen I, 163.

2) Belegstellen bei Reichel S. 199 f.

3) Belegstellen bei Reichel S. 200 f.

4) Z. B. Kant, Prolegomena § 57, Abs. 12 ff.

6) Die Etymologie ist zweifelhaft; vgl. Kluge, Etym. WB. s. v.
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