Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 7.1912

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V.

Der Zweck der Kunst1).

Von

Konrad Lange.

Nach der Auffassung vieler ist die Kunst etwas Zweckloses, ein
zwar ganz hübsches, aber im Grunde entbehrliches Ornament des
menschlichen Daseins. Und doch, wie könnte man mit diesem Urteil
einer Tätigkeit gerecht werden, die im Leben eine so große Rolle
spielt, deren Betrieb so gewaltige öffentliche und private Mittel in
Anspruch nimmt? Fühlen wir nicht alle, daß die Kunst uns mehr
bedeutet als eine überflüssige Verzierung, ein angenehmes Spiel, gut
genug, unsere müßigen Stunden auszufüllen?

Was sie uns aber bedeutet, wodurch sie uns fördert, darüber
machen wir uns alle unsere eigenen Gedanken. Und so ist es viel-
leicht von Interesse, diese Gedanken einmal in Worte zu fassen und
die verschiedenen Zwecktheorien der Kunst zu besprechen, die wich-
tigeren unter ihnen psychologisch zu begründen und diejenige unter
ihnen namhaft zu machen, die dem Wesen der Kunst am meisten
entspricht.

Nach der Illusionstheorie beruht das Wesen der Kunst bekanntlich
auf der Illusion. Was wir unter ästhetischer Illusion verstehen, ist
keine wirkliche Täuschung. Der Künstler will uns zwar bis zu einem
gewissen Grade täuschen, aber nicht so, daß wir Wirklichkeit
zu sehen glaubten. Im Gegenteil, schon der Versuch einer wirklichen
Täuschung würde den ästhetischen Genuß aufheben. Bei der ästhe-
tischen Anschauung lassen wir uns täuschen und doch wieder nicht
täuschen. Wir fühlen den Inhalt des Kunstwerks und fühlen ihn doch

') Die unter diesem Titel am 27. Januar d. j. in der Aula der Universität Tü-
bingen gehaltene Rede zu Kaisers Geburtstag erscheint hier unter Weglassung der
durch den rhetorischen Zweck gebotenen Formen, besonders der Einleitung und
des Schlusses, die in der Sonderpublikation mit abgedruckt werden sollen. Der popu-
läre Charakter der Rede brachte es mit sich, daß manches gesagt werden mußte,
was den Lesern dieser Zeitschrift nicht neu ist. Auch konnte z. B. auf das Wesen
des Zweckbegriffs nicht näher eingegangen werden. Man wird sich überzeugen,
daß das Wort hier im allgemeinsten Sinne und in verschiedenen Bedeutungen ge-
braucht wird.

Zeitsdir. f. Ästhetik u. alle. Kunstwissenschaft. VII. 12
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