Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 7.1912

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320 BESPRECHUNGEN.

in die zuerst angeführte Analyse des Erhabenen mitaufnimmt, scheint mir dement-
sprechend nur auf bestimmte Sonderfälle des Erhabenen zuzutreffen. — Die Aus-
gestaltungen des Erhabenen, die Volkelt analysiert, sind meist — zum mindesten in
der Art, in der Volkelt sie bespricht — Neuland für die Ästhetik. Die bloße Auf-
zählung kann hiervon schon ein Bild geben: Volkelt scheidet formlose, strenge und
freie Erhabenheit und ihre Unterarten. So wird es weiter zum Einteilungsgrund,
inwieweit die Form ins Kleine, ins Reiche, Feine und Individulle gegliedert ist und
inwieweit nicht. Er spricht vom Furchtbar-Erhabenen, von dessen Sondergestaltungen:
dem Grauenhaften und dem Gräßlich-Erhabenen, vom Düster-Erhabenen, er faßt
unter dem Erhabenen der wohltuenden Art eine ganze Reihe von Gestaltungen zu-
sammen — zergliedert das Prächtige, das Würdevolle, das Majestätische, das Feier-
liche, das Pathetisch-Erhabene und dringt hier überall zu systematischen Einzel-
heiten vor, die bisher in die Ästhetik niemals hineingezogen worden sind. Besonders
hinweisen möchte ich auf die feinsinnige Art, in der Volkelt das Verwehend-Erhabene
betont.

War, nach Ansicht des Referenten, bei der Analyse des Erhabenen die Be-
stimmung Volkelts zu eng gewesen und hatte er den Tatbestand des Erhabenen zu
sehr auf bestimmte Fälle eingeschränkt, so ist bei der Analyse des »Anmutigen« das
Umgekehrte der Fall. Das Anmutige gehört für Volkelt zu den Grundgestalten, »bei
denen der Hauptnachdruck gelegt ist auf das Verhältnis, in dem am Gehalt das Sinn-
liche zum Geistigen, das Natürliche zum Vernünftigen, das Äußerliche zum Inner-
lichen steht« (S. 188). Es ist der Fall des Gleichgewichts beider, der hier vor allem
interessiert, das Menschliche der harmonischen Art. Wird dieses Harmonische zur
ästhetischen Ausgestaltung gebracht, so entsteht das Anmutige. Es ist die »schöne
Seele« in ihrem Gleichmaß, die den Gehalt des Anmutigen ausmacht. »Gehalt und
Form scheinen sich hier wechselseitig anzuziehen. Sanft und still geht die schöne
Seele in ihr Äußeres ein, und in der gleichen Weise schließt sich das Äußere auf,
um der schönen Seele als ihrem Innern Ausdruck zu geben« (S. 197).

Volkelt weist selbst darauf hin, daß Anmut in der Sprache die allerverschiedensten
Tatbestände bezeichnet, und daß es deshalb schwierig ist, zu einer Verständigung
über den Begriff der Anmut zu gelangen. Aber der Tatbestand dessen, was Volkelt
als Anmut analysiert, ist wohl auch bei der weitesten Fassung des Begriffes »An-
mut« noch zu weit. Ein idealisierter Goethekopf erfüllt die Bedingungen, die Volkelt
von der »Anmut« verlangt: es findet sich Ausgeglichenheit des Gehaltes, dem sich
die Form anschmiegt, aber keineswegs braucht deshalb ein solcher Goethekopf »an-
mutig« zu sein.

An Arten der Anmut analysiert Volkelt die hohe Anmut, die liebliche und die
derbe Anmut, die holde, die herbe, die weiche, die zierliche Anmut, wobei in erster
Linie die Art der Differenzierung des Gehaltes ausschlaggebend ist für die einzelnen
Scheidungen.

Gegen das Anmutige in seinem Gleichgewicht des Geistigen und des Sinnlichen
grenzen sich andere menschlich-bedeutungsvolle, von der Ästhetik meist vernach-
lässigte Typen ab; bei den einen unter ihnen überwiegt das Geistige des Gehalts,
bei andern das Sinnliche. So entsteht einerseits das Geistig-Ästhetische, anderseits
das Sinnlich-Ästhetische. Aus dem weiten Gebiet der letzteren Grundgestalt hebt
Volkelt eine Reihe von Typen als besonders charakteristisch hervor: »Entweder lebt
sich die sinnlich-schöne Seele naturstark, urwüchsig, elementar aus. Sie läßt das
Sinnliche sich stark und grob ergehen, sich rücksichtslos und ungeniert gebärden,
sie legt dem Sinnlichen keine Zurückhaltung oder Verfeinerung auf.« Dann entsteht
das Sinnlich-Schöne der derben Art. »Oder die sinnlich-schöne Seele gibt dem
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