Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 7.1912

Page: 321
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zaak1912/0325
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
BESPRECHUNGEN. 321

Sinnlichen eine feine und zarte Gestalt. Das Sinnliche erscheint hier reizbar und
storbar. Hier waltet nicht die Natur in ihrer Ursprünglichkeit, sondern verfeinert
durch Bildung und Kultur« (S. 238). Es ist der Typus des Reizenden, der sich
nierauf gründet. Und weiter gehört zum Sinnlich-Ästhetischen das Blühende, das
tlegante, während das Karge und das Zarte Ausprägungen des Geistig-Ästhetischen
sind. Mit Recht betont Volkelt, daß er gerade die Ausgestaltungen der Anmut, des
Sinnlich- und Geistig-Ästhetischen für die Ästhetik erst gewonnen habe. An einer
ganzen Reihe von Punkten freilich, so etwa beim Derben, würde der Referent die
Frage ähnlich wie beim Erhabenen stellen, ob es sich hier wirklich um ästhetische
Grundgestalten handelt oder um Gehaltsgestaltungen, die auch außerhalb des
Ästhetischen vorkommen.

Es wurde schon besprochen, daß Volkelt eine andere Grundgestalt, das
Rührend-Ästhetische von der subjektiven Seite zu fassen sucht: die Rührung ist
"im ein Mischgefühl, in dem sich gehobenes und geschwächtes Lebensgefühl
verbinden, die Lust wie Unlust zu ihren Teilmomenten zählt. Durch die Unlust
mdurch gelangen wir zur Lösung dieser Unlust, und der Art des Kontrastes
^wischen Unlust und Lösung entsprechend, scheidet Volkelt schroffe und milde
Rührung. Freilich: »an sich hat das Gefühl der Rührung keine Beziehung zum
hetischen.« Aoer die Rührung ist ein Zustand, der »sich dem Bewußtsein so
eutlich, so eigenartig, ja fast möchte man sagen, so aufdringlich kundgibt, daß
era" d°rt, wo sich dem ästhetischen Eindruck Rührung zumischt, dieser ein un-
verkennbares Gepräge empfängt« (S. 275). So gibt es rührende Anmut; der Erhaben-
e't, der Komik, der Tragik usw. kann Rührung zugemischt sein; aber es gibt keine
esondere Form, in der das Rührende für die Phantasie und für die Sinne Ge-
walt gewinnt. Man kann höchstens fragen: Welcher Inhalt wirkt rührend? Volkelt
■ndet die Antwort darin, daß im Rührenden sich das Naturartig-Geistige nach be-
sonderer Richtung hin offenbare, daß wir hier im Zustand der Lösung unseres Innern
uns der Natur in ihrer Unschuld, Schlichtheit und Treue genähert fühlen.

Die Stellung, die Volkelt zum Tragischen einnimmt, ist aus seiner Ȁsthetik des
Magischen« wohlbekannt und ist oft diskutiert worden. So soll auch hier nur zu-
sammenfassend darauf hingewiesen werden, wie Volkelt das Tragische auffaßt: Den
ehalt des Tragischen bilden menschliche Kämpfe und Leiden. Aber es muß ein
ungewöhnlich schweres und verderbenbringendes Leid sein, das dem Menschen —
'nnerlich oder äußerlich — den Untergang bereitet. Und der Mensch, den das Un-
ei trifft, muß das Mittelmaß nach irgend einer bedeutungsvollen Seite hin über-
reiten. Geschieht dies, so empfinden wir einen mehr oder weniger scharfen
«erstreit zwischen dem, worauf der große Mensch Anspruch hat, und seinem tat-
sächlichen Geschick: »Wir möchten ausrufen, was ist das für eine Welt, worin das
Außerordentliche zu Leid und Untergang bestimmt ist« (S. 303). Es gehört so zum
esen des Tragischen eine pessimistische Grundstimmung. Anderseits liegt auch
eui optimistischer Grundzug in ihm. »Mag der große Mensch auch leiden, er be-
währt, so nehmen wir an, auch in den schlimmsten Qualen, auch angesichts eines
entsetzlichen Untergangs seine Größe« (S. 307). Während Volkelt das Tragische
durch den Hinweis auf seine Monographie relativ kurz abtun konnte, erforderten das
Komische und der Humor ausführliche Untersuchungen, die über ein Drittel des
Ruches füllen: das Komische darf nicht etwa als Gegenglied zum Tragischen oder
zum Erhabenen gefaßt werden — es steht dem Komischen vielmehr einfach das
Nichtkomische oder das Ernsthafte gegenüber, dem alles mögliche angehört. Und
während zum Beispiel dem Tragischen der zeitliche Verlauf wesentlich ist, schließt
die Komik (wie es die Komik von Gestalten zeigt) den zeitlichen Verlauf nicht

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. VII. 21
loading ...