Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 7.1912

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468 BEMERKUNGEN.

sache begründet, daß wir trotz der subjektiv verschiedenen Eindrücke eine für alle
den Anspruch auf Gültigkeit erhebende Aussage machen. Doch besteht kein
zwingender Grund ästhetischer Art, von dem persönlich subjektiven ästhetischen
Erlebnis abzusehen und es einer allgemeinen Norm zu unterwerfen. Das Problem
ist ja nicht, wie wir zu gleichartigen ästhetischen Erlebnissen und von da zu gleichen
Werturteilen gelangen, sondern wie wir auf Grund verschiedener subjektiven Erleb-
nisse auf Grund gemeinschaftlicher Normen zu gleichartigen Ursachen gelangen. Es
besteht nur eine suggestiv gesellschaftliche Norm. Herr M. Herrmann bestreitet die
Aufstellung des Vortragenden, daß die Bereicherung der Anschauung den alleinigen
Wertmesser der ästhetischen Wirkung bildet. Objektive Erkenntnis lasse sich nur
auf naturwissenschaftlichem Gebiet gewinnen, — bei allem hingegen, was mit dem
Fühlen zusammenhängt, lasse sich kein Normalmensch konstruieren. In gleichem
Sinne betont Herr Wulff den Gegensatz objektiver und gefühlsbetonter Anschauung,
aus der sich der Unterschied zwischen Verstehen und Erleben des Kunstwerks er-
gibt, Herr v. Allesch aber bemerkt, daß man ohne Reaktion des Betrachters gar nicht
das Material bekommen kann, aus dem sich kunstwissenschaftliche Erkenntnis auf-
baut. Der Vortragende fand hingegen von anderer Seite Zustimmung zu seiner
Annahme einer maßgebenden Formkausalität, die auf einer Auswahl aus der Natur-
kausalität beruht. — Nach Vorlegung des Rechenschaftsberichts und Erteilung der
Entlastung an den Schatzmeister wurde der Vorstand wiedergewählt. Die Schrift-
führung verbleibt in Händen von Herrn Prof. O. Wulff (Steglitz, Lindenstr. 19).
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