Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 7.1912

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XIV.

Außerästhetische Faktoren im Kunstgenuß1).

Von
Emil Utitz.

Für jeden, der die Gleichung vollzieht: Kunstgenuß = ästhetischer
uenuß, besteht natürlich die Frage nach den außerästhetischen Fak-
ten im Kunstgenuß nicht; er wird im Gegenteil die strenge Forde-
rung erheben (die durch unzählige Beispiele der Literatur belegt
erden könnte): »verhalte dich dem Kunstwerk gegenüber rein ästhe-
'sch.« Wenn sich dann noch im tatsächlichen Erlebensbefunde Fak-
°.ren zeigen, die dem ästhetischen Verhalten nicht zwanglos einge-
emt werden können, so werden sie entweder als ganz ungehörig be-
achtet und als Ausfluß einer nicht angemessenen Einstellung, oder
auch als Nebenwirkungen, die der Ästhetiker nicht weiter zu berück-
sichtigen hat.

Die ganze Frage droht jedoch in einen Wortstreit zu münden,
enn alles scheint davon abzuhängen, was wir eben als ästhetisches
erhalten bezeichnen, ob wir es in weiterem oder engerem Sinne
assen. Aber wie immer wir es auch bestimmen, wie wir auch die
'genart des Ästhetischen zu charakterisieren versuchen: zwei Mo-
mente müssen wir dabei berücksichtigen, wenn wir eine wissenschaft-
,c" brauchbare Scheidung vollziehen wollen: 1. unsere Charakteristik
™uß: die Gesamtheit ästhetischer Verhaltungsweisen treffen; 2. sie muß
le ästhetischen Verhaltungsweisen von solchen sondern, die an sich
zweifellos kein ästhetisches Erleben darstellen, wie z. B. rein sexuelle
egierde, ethische Interessenahme, abstrakt-begriffliche Tätigkeit. Und
nun besteht doch zweifellos ein Problem: erschöpft dieses rein ästhe-
ische Erleben (wie sich uns seine Bestimmung als zweckdienlich für
le Psychologisch-ästhetische Forschung erwiesen hat) für sich allein-
den Kunstgenuß? zeigt der tatsächliche Erlebensbefund einfach und
rem ein ästhetisches Verhalten, oder bedarf es zu seiner Realisierung

) Diese Abhandlung bringt in ausführlicherer Darstellung die Gedanken vor,
e den Kern meines gleichnamigen Vortrages auf dem fünften Kongreß für experi-

and-16 Psycholo£ie zu Berlin im APriI 1912 hätten biIden sollei1, Leider war 'ch
n der Abhaltung des Vortrages durch Krankheit verhindert.
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