Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 7.1912

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658 BESPRECHUNGEN.

dieses sein seelisches Wachsen in den Werken erkennen. Der prächtigsten Be-
merkungen findet man da überall eine große Zahl, auch manches, dem ich nicht
beistimmen könnte. Daß aber in all diesen Ausführungen ein in unserer Musik-
literatur einziges künstlerisches Feingefühl und ein ebenso seltenes logisches
Denkvermögen steckt, diese Beobachtung steht als klarer Eindruck meiner Lektüre
vor mir.

Das Symphoniekapitel ist wohl das Glanzstück der gesamten Darstellung. In
seinem Symphoniewerke zeigt sich Beethovens Empfindungswelt am geschlossensten,
konsequentesten. Auch dem nachschaffenden Künstler Bekker gelingt hier ein
schöpferischer Wurf von großer Einheitlichkeit und Überzeugungskraft, dessen Haupt-
ideen ich hier wenigstens andeuten möchte. Bekker betrachtet die erste und zweite
Symphonie nur als Vorspiele, in denen Beethoven noch ohne scharf umrissene
dichterische Vorwürfe musiziert. Mit der Eroica hat er sein Lebensthema gefunden:
Helden und heldenhafte Gefühle zu gestalten. Hier wird der Vorwurf noch äußer-
lich genommen. Bekker meint, daß den vier Sätzen die Idee heroischen werk-
tätigen Menschentums im allgemeinen zugrunde liege, ohne an eine Persönlichkeit
gebunden zu sein. In der vierten und fünften Symphonie gelangt dagegen das
eigene Ich zur Aussprache. Beiden Werken liegt das populäre Thema des Sich-
Emporraffens aus Zweifeln zu Gewißheit und Freude zugrunde. Die vierte Symphonie
endet beim Humor, die fünfte beim Triumph. Diesen drei Kampfsymphonien folgen
drei Werke heiter betrachtender Lebensanschauung. Die sechste, dem Naturgenuß
gewidmete, die siebente, ein bis zum Taumel gesteigerter Tanzzyklus und endlich
die achte ein Bekenntnis des innerlich zu wunschloser Abgeklärtheit gelangten
Menschen. Mit der achten Symphonie hat Beethoven den Kreis menschlicher Emp-
findungen durchlaufen. Alles was er durchfühlt hatte, hat in ihnen seinen kon-
zentriertesten, aufs höchste gesteigerten Ausdruck erhalten. Diese Symphonien sind
an die Menschheit gerichtete Zeugnisse des eigenen Ringens und Überwindens.
Die neunte Symphonie gibt dann die Empfindungen des Rückschauenden, Erlösten
wieder. Bekker nennt sie darum gegenüber den dramatischen Symphonien ein
symphonisches Epos. Dieser Ideengang Bekkers gewinnt freilich erst seine Über-
zeugungskraft in der ausführlichen, mannigfach treffend belegten Darlegung des Ver-
fassers. Hier wollte ich mit seiner Skizzierung nur eine Andeutung von der Art
seiner Gedankenführung geben.

Die zweite Art der musikalischen Interpretation, die formal-ästhetische, wird in
dem vorliegenden Werke nur wenig geübt. Ich muß auch diesen (zweifellos frei-
willigen) Verzicht Bekkers gutheißen. Er mußte sich fragen, für wen er schrieb.
Und da sein Werk zweifellos ebensosehr wie an den geistig lebendigen Fach-
musiker an den gebildeten Liebhaber gerichtet ist, tat er gut daran, Erörterungen
zu meiden, die entweder für die meisten unverständlich werden oder sich auf dem
Niveau eines nichtssagenden formal-technischen Geredes bewegen mußten. Was
Bekker zu diesem Thema beiträgt, erfreut zum Teil durch klares Denken und feine
Empfindung. Ich denke hier an die Ausführungen S. 72—78 über die formalen
Ausdrucksmittel der Beethovenschen Kunst. Wo aber Bekker in dieser Richtung
ins Detail zu gehen strebt, vermag ich seinen Ausführungen nichts mehr zu ent-
nehmen. Der Musikschriftsteller steht hier in der Tat an der Grenze eines Ge-
bietes, auf das uns Riemann wohl Ausblicke eröffnete, das zu erschließen aber bis
heute keinem gelang.

Doch es wäre ungerecht, an Bekkers vortreffliche Arbeit mit Forderungen heran-
zutreten, die der Verfasser wohl nicht erfüllen wollte. Das Buch ist, so wie es vor-
liegt, eine außergewöhnliche Leistung, durch die Art, wie es die innigen Wechsel-
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