Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 8.1913

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ZUR LEHRE VON DEN ÄSTHETISCHEN MODIFIKATIONEN. 3

in Unterarten und die Unterbringung der ästhetischen Einzelerschei-
nungen in die richtigen »Abteilungen« und unter die richtigen Rub-
briken, den Hauptinhalt der älteren Ästhetik bildeten (vgl. Vorschule
der Ästh.2 I, S. 5). Wenn man nun aber die metaphysischen und
jedenfalls dogmatischen Voraussetzungen beiseite schiebt, von denen
jene Ästhetik ausging, und statt dessen empirisch und psychologisch
verfährt, d. h. ohne alle vorgefaßten Meinungen ganz einfach nur davon
ausgeht, was für den ästhetischen Forscher tatsächlich gegeben ist
und Erklärung heischt, dann muß auch die ganze Aufgabe der Ästhetik
sich anders darstellen, als sie der spekulativen Ästhetik erschien.
Ferner muß die relative Wichtigkeit der verschiedenen Teile der Ästhe-
tik vielfach in ein neues Licht treten. Und in der Tat: geht man
wirklich von dem aus, was dem Ästhetiker erfahrungsmäßig sicher
gegeben ist und was von ihm Erklärung verlangt, und erfaßt die Auf-
gabe der Ästhetik demgemäß, dann leuchtet ein, daß die Fragen der
Modifikationslehre rechtmäßig keine solche zentrale Stellung haben
können wie sie sie in der spekulativen Ästhetik hatten. Erfahrungs-
mäßig gegeben für einen Ästhetiker ist ein ganzes großes Wirklich-
keitsgebiet, eben die sogenannte ästhetische Wirklichkeit, von der man
vorläufig nur so viel weiß, daß die Kunst einen wichtigen Teil inner-
halb dieses Gebiets bildet und daß dieses ganze Gebiet im übrigen
sich grundsätzlich von dem theoretischen und praktischen Interessen-
und Tätigkeitsgebiet unterscheidet. Und die Aufgabe, die der Ästhe-
tiker zu lösen hat, liegt darin: Klarheit zu schaffen über dieses Gebiet,
zu zeigen, worin seine Eigenart besteht, welche Bedeutung es hat und
welches sein Verhältnis zu den übrigen Seiten des Menschenlebens ist
oder sein soll. Wenn man diese Aufgabe lösen will und zunächst
die Eigenart des ästhetischen Lebensgebiets zu ermitteln sucht (denn
die Beantwortung dieser Frage bildet ja offenbar den Schlüssel zu
allem anderen), so sieht man bald, daß das ästhetische Lebensgebiet
durch keine äußeren Merkmale erkenntlich gemacht und abgegrenzt
werden kann, denn seine Eigenart ist nicht durch die Eigenart der
zu ihm gehörigen Objekte bedingt. Der ästhetische Mensch be-
schäftigt sich oft mit ganz denselben Gegenständen und Erscheinungen
wie der theoretisch oder der praktisch gerichtete Mensch. Es sind
also keine besonderen »spezifisch ästhetischen« Objekte, die das ästhe-
tische Lebensgebiet bilden. Das ästhetische Lebensgebiet ist lediglich
durch ein spezifisches Verhalten zu den Gegenständen gekenn-
zeichnet und durch den entsprechenden Eindruck der Gegenstände
auf uns. Ich habe dieses spezifisch ästhetische Verhalten, auf das
die Eigenart des ästhetischen Lebensgebiets sich gründet, in dieser
Zeitschrift früher dahin bestimmt, daß ich sagte: das ästhetische Ver-
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