Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 8.1913

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DIE AKTIVITÄT IM ÄSTHETISCHEN VERHALTEN. 439

Reaktion sehen, in welchen die Versuchspersonen sich durch das am
Schluß einsetzende ethische Leitmotiv des Dichters in ihrem Genüsse
stark gestört fühlten, das sie bei objektiver Betrachtung als naiv, banal
und plump ablehnten. Damit soll nicht gesagt sein, daß das Ethische
nicht künstlerisch darzustellen sei oder daß die Tendenzdichtung
und -maierei keinen ästhetischen Wert beanspruchen dürfe; haben
doch die größten Dichter die tiefsten sittlichen Probleme zum Gegen-
stand ihrer Dichtungen gemacht. Aber die Ethik darf nicht um des
Ethischen, sondern um des Schönheitsgehaltes willen gestaltet werden.
Ein stark ethisches Erleben kann mitunter das ästhetische Genießen
wesentlich unterstützen, aber die Erhebung beim ästhetischen Genuß
erwächst hauptsächlich aus Einflüssen, welche auch dann wirken
müssen, wenn der ethische Gehalt eines Kunstwerkes etwa durch ein
tragisches Geschick des Trägers der ethischen Idee gefährdet erscheint.
Das Kunstvolle im Kunstwerk, auch wenn dieses der Darstellung einer
ethischen Idee dient, das Kunstwollen des Künstlers allein kann der
Maßstab für den ästhetischen Genuß sein. Dann erst zeigen sich die
wahren Wirkungen der Kunst.

(Schluß folgt.)
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