Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 9.1914

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I.
Systematik und Geschichte der Künste1).

Von

Max Dessoir.

Die Ästhetik ist in den Mutterarmen der Philosophie aufgewachsen.
Aber auch jetzt noch hat Philosophie das Recht, sich nach der Seite
der Ästhetik zu betätigen, ohne deshalb von ihrem Wesen einzu-
büßen: der überall nach Bedeutung und Begründung des Gegebenen
ausblickende Philosoph braucht von den ästhetischen Tatsachen das
Auge nicht abzuwenden. Will er streng begrifflich dasjenige Sein
erfassen, das als schön, häßlich, erhaben usw. auftritt, so muß er
empirische Feststellungen (zum Beispiel die Wohlgefälligkeit gewisser
Farbenpaare) auf einen allgemeineren Begriff (etwa den der Harmonie)
und diesen wieder auf ein umfassendes geistiges Verhalten (sagen
wir: das der willensfreien reinen Betrachtung) zurückführen. Durch
diese allmähliche Reduktion auf allgemeinste Grundsätze kann der Zu-
sammenhang der Einzelerkenntnisse hervortreten, und es mag ihnen
häufig ein neuer Sinn gegeben werden. Insbesondere darf man hoffen,
bei solchem Vorgehen die Verschiedenheit der großen Kulturformen
Religion, Wissenschaft und Kunst ihrem letzten Grunde nach zu be-
greifen. Sind in jedem der drei Kreise besondere Kräfte am Werk,
bilden unterschiedene Geisteshaltungen die Voraussetzung jener Kultur-
formen, so ist es wohl auch möglich, die Vernunftfunktion anzugeben,
durch die der menschliche Geist das ästhetische Wertgebiet aufbaut.
Gesetzt, es werde beim künstlerischen Genießen und Schaffen das
Gegebene von der geistigen Funktion reiner Betrachtung umgrenzt
und umgeformt, so ist damit nicht nur das ästhetische Verhalten vom
religiösen und wissenschaftlichen abgehoben, sondern es ist auch der
Grundzug bezeichnet, der das gesamte ästhetische Leben durchdringt.

Indessen, aus diesem höchsten Vernunftprinzip läßt sich nicht mehr
herausholen als eben die nähere Bestimmung seiner selbst. Die ästhe-

') Diese Abhandlung, mit denen die älteren hier veröffentlichten Aufsätze über
»Skeptizismus in der Ästhetik« und »Objektivismus in der Ästhetik« fortgesetzt
werden, ist-ein fast unveränderter Abdruck der Rede, die der Verfasser zur Eröff-
nung des Berliner Kongresses am 7. Oktober 1913 gehalten hat.

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. IX. 1
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