Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 10.1915

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VII.

Der Begriff der Literaturgeschichte.

Von
August H. Kober.

Der Begriff der Literaturgeschichte soll hier nicht untersucht werden
m der Form einer Betrachtung über die Grundsätze der tatsächlich
vorliegenden Werke literaturgeschichtlicher Tendenz; eher schon als
Prolegomenon zu einer künftigen Geschichte der Literatur, die als
Wissenschaft wird auftreten wollen. Voraussetzung für sie nämlich
'st eine scharfe logische Untersuchung des Begriffes Literaturgeschichte
im Sinne der Festlegung und Zergliederung ihrer objektiven Erschei-
nung. Es scheint widersinnig, ist deswegen aber nicht weniger wahr,
daß man diese grundlegende Aufgabe noch nicht gelöst, noch nicht
einmal zur Erörterung gestellt hat. Das historische Auftreten der
modernen Literaturgeschichtsschreibung als mittelbar aus anderen
Wissenschaften — meistens aus der Historie überhaupt — stammend
'st die Ursache davon, daß man lange und heftig um die praktischen
Grundsätze kämpft, ohne den zugrundeliegenden Begriff einmal fest-
zustellen. Man setzt ihn vielmehr einfach so voraus: Geschichte -
Geschehen (Verlauf), Literatur = auf eine gewisse Festigkeit gebrachte
Psychische Werte (man hat den Begriff Literatur ja über das schriftlich
festgelegte Denkmal hinaus ausgedehnt auf das Gesprochene, auch auf
das Gesungene), Literaturgeschichte = die Folge dieser Werte nach der
Art des geschichtlichen Verlaufes überhaupt. Ich halte diese Defi-
nition für einen tirculus vitiosus. Meine Untersuchung soll also zeigen,
daß der Begriff Literaturgeschichte nicht restlos aufgeht in die allge-
meinen Komponenten Literatur und Geschichte.

Die Historiographie — ich bezeichne damit die Summe der allge-
meinen Geschichtsschreibung von Thukydides bis zu Ranke — hat
den Begriff der geschichtlichen Bewegung immer aufgefaßt als die
Resultante aus der Wechselwirkung von Mensch und Nicht-Mensch.
Da die Begriffe Sein und Werden an sich gehaltlos sind, kann man
aus ihrer ursprünglich leeren Neutralität den Begriff Geschichte nur
gewinnen durch die Beschränkung jenes in seiner Unendlichkeit sinn-
losen, unbegreiflichen Bewegungsrausches auf die Festigkeit einer Re-
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