Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 10.1915

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X.

Das Dichten in psychologischer Betrachtung.

Von

Ilse Reicke.

Einleitung: Grundlagen und Vorfragen.

=Der dichterische Geist ist unsterblich und unverlierbar
in der Menschheit, er kann nicht anders als zugleich mit
derselben und mit der Anlage zu ihr sich verlieren.«

Schiller.

Wir haben uns zur Aufgabe gesetzt, das Dichten wissenschaftlich
zu untersuchen, d. h. diesen seelischen Vorgang restlos zu erklären.
Da es sich beim Dichten nun ebensowohl um seelische Vorgänge
als um das Kunstwerk handelt, das durch diese seelischen Vorgänge
geschaffen wird, so brauchen wir, um überhaupt an unsere Aufgabe
gehen zu können, zweierlei: erstens nämlich die Lehre von der Seele
und dem Seelenleben, d. h. eine wissenschaftliche Psychologie, zweitens
aber die Lehre von dem, was ein Kunstwerk ist, d. h. eine Ästhetik,
die sich ihrerseits freilich auf einer Psychologie erst aufbauen kann.
Die Psychologie aber, deren Gegenstand »nicht selber Allgemeinstes
ist, sondern Allgemeineres als sein Allgemeines noch in sich hat«J),
setzt notwendig eine grundlegende Lehre von dem Allgemeinsten des
Gegebenen überhaupt, d. h. eine Grundwissenschaft voraus.

Diese drei notwendigen Grundlagen für unsere Arbeit sind erfüllt
durch die

»Philosophie als Grundwissenschaft« von Johannes Rehmke
(Leipzig 1910),
ferner durch desselben Verfassers

»Lehrbuch der allgemeinen Psychologie« (2. Aufl. Leipzig 1905)
und endlich durch die Schrift:

»Zur Begründung einer animistischen Ästhetik« von Dr. Alfred
Werner (Stuttgart 1914),
die auf den Grundlagen der beiden genannten Bücher ruht. Diese
drei Werke sind es, die uns ausschließlich die Mittel für die folgende
Untersuchung an die Hand gaben.

') Rehmke, Grundwissenschaft S. 44.
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