Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 11.1916

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76 BEMERKUNGEN.

den sich ergebenden neuen Fragestellungen in seiner Arbeit einen ausreichenden
Platz und sorgfältige Untersuchung gewidmet zu haben. Das ist eins, wodurch sich
seine Ästhetik von jedem früheren Buch unterscheidet. Viel wichtiger aber ist die
Einbeziehung des neuen Wissenschaftsgebietes der Qegenstandstheorie in den Kreis
ästhetischer Forschung, und diese Einbeziehung ist im eigentlichen Sinne die Tat
Witaseks. Nicht, daß er plötzlich entdeckt hätte, es gäbe nur einen Gesichtswinkel,
unter dem man ästhetische Fragen erörtern könne, und das wäre der gegenstands-
theoretische. Ein gut Teil dieser Fragen gehört mit Recht der Psychologie und
bleibt nach wie vor psychologisch; ein anderer aber kommt neu hinzu, das ist jener,
der sich mit den Eigenschaften der ästhetischen Gegenstände (als solchen) beschäftigt,
ein Teil, der naturgemäß nur gegenstandstheoretisch und somit vor der Gegenstands-
theorie überhaupt nicht behandelt werden konnte. Eine geklärte Fortführung finden
diese gegenstandstheoretisch-ästhetischen Untersuchungen des Verfassers in der nach
seinem Tode erschienenen Arbeit »Über ästhetische Objektivität«.

Begreiflicherweise gruppiert sich um die »Grundzüge« eine Reihe jüngerer und
älterer Arbeiten, die teils rein ästhetischen Aufgaben dienen, wie »Zur psychologischen
Analyse der ästhetischen Einfühlung« (1900), »Wert und Schönheit« (1902) und »Zur
psychologischen Analyse des musikalischen Ausdrucks« (1906), teils solche, welche
doch in einem weiteren Zusammenhang mit den Kernfragen der Ästhetik stehen,
wie die »Beiträge zur Psychologie der Komplexionen« (1896) und die »Beiträge zur
speziellen Dispositionspsychologie« (1897).

Die Eigenart der Gestaltgegenstände, deren Behandlung einen breiten Raum in
den Arbeiten der Meinongschule einnimmt, hat Witasek wohl auch zur Beschäfti-
gung mit den »optischen Täuschungen« geführt, deren psychologischer Erforschung
die Arbeit »Über die Natur der geometrisch-optischen Täuschungen« (1898) ge-
widmet ist. Sie bildet den Ausgangspunkt für eine Reihe psychologischer Arbeiten
aus dem Gebiete der »physiologischen Optik«, deren hauptsächlich psychologische Be-
schaffenheit der Verfasser mit Erfolg nachweisen konnte. Hierher gehört die »Psycho-
logie der Wahrnehmungen des Auges« (1912), ein umfangreiches Buch, sowie »Lokali-
sationsdifferenz und latente Gleichgewichtsstörung« (1909), »In Sachen der Lokali-
sationsdifferenz« (1910) und »Zur Lehre von der Lokalisation im Sehraume« (1908).

Das Schaffen jedes vielseitigen Talentes hat mehrere Brennpunkte. Es ist schon
auf Witaseks Arbeit »Beiträge zur speziellen Dispositionspsychologie« hingewiesen
worden. Sie verdankt ihren Ursprung ästhetischen Interessen: von der Betrachtung
des Genusses an künstlerisch Hervorgebrachtem ist ein kurzer Weg zu den An-
lagen, die es hervorzubringen vermögen. So ist die Dispositionspsychologie ein
solcher Brennpunkt für das Schaffen des verewigten Forschers geworden. In Hin-
kunft hat er aber seine Arbeit mehr jenem Teil der Anlagen zugewendet, der schon
heute genauere Bestimmungen zuläßt, dem Gedächtnis. Eine Veröffentlichung »Über
das Lesen und Rezitieren in ihren Beziehungen zum Gedächtnis« (1907) war das
erste Ergebnis dieser Untersuchungen, eine ungedruckte Arbeit »Assoziation oder
Gestalt« mit dem Untertitel »Gedächtnis < auf den handschriftlichen Aufzeichnungen
hat er seinen Schülern hinterlassen.

Witasek hat Meinong bei der Gründung des Grazer psychologischen Labora-
toriums, des ersten in Österreich, mit Rat und Hilfe beigestanden, er war auch die
erste bedeutende Arbeitskraft dieser Anstalt, und durch seine bereits aufgeführte Ar-
beit über geometrisch-optische Täuschungen hat er die Richtung für die Ausgestal-
tung und künftige Entwicklung des Laboratoriums gegeben, das seither in großem
Stile zur Pflegestätte dieses, in seiner Bedeutung sehr gehobenen Arbeitsgebietes
geworden ist.
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