Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 12.1917

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IV.

Faust, der Tragödie zweiter Teil:
Studien zur inneren Form des Werkes.

Von

Helene Herrmann.

Einleitung.

Der zweite Teil des »Faust« soll hier als dichterisches Werk an-
geschaut werden. Eine solche Absicht unterscheidet diese Studien
von den Sachkommentaren sowohl als von den Deutungen des philo-
sophischen Ideenzusammenhangs, endlich von jeder biographischen
und historischen Behandlung, die das Werk als Auswirkung von
Goethes Lebensbewegung und als vielgewandeltes Sinnbild seiner
Schaffensweise ansieht.

Nicht als sollte irgend eine dieser bisher geübten Erläuterungs-
weisen verdrängt werden. Wie unentbehrlich jede in ihrer Art ist,
wurde bei der Abfassung dieser Studien immer wieder fühlbar. Wo
die eigene Betrachtung von ihren besonderen Voraussetzungen her
zum Abschluß gelangt ist, sieht sie sich nach Bestätigung ihrer Er-
gebnisse bei den anders Orientierten um.

Anderseits erhebt sich der Anspruch, das, was Goethe als Kunst-
gebilde aus Händen gab, und sonderlich dies »Hauptgeschäft< seines
Alters vorerst einmal ästhetisch anzusehen, und eine solche bisher
nicht zusammenhängend und rein vorgenommene Anschauungsart*)
brauche sich neben anderen Sehweisen nicht erst zu beglaubigen.

Schwierigkeit und Problematik des Unternehmens sind offenbar.
Ist der zweite Teil des »Faust«, nicht nur in der Anlage, sondern als
fertige Erscheinung, nicht nur in den Teilen, sondern im Ganzen ein

') Die 1914 geschriebenen Einleitungen Max Dessoirs zu beiden Teilen des
»Faust«, die das Gedicht wohl zum ersten Male rein als Kunstwerk betrachten,
wurden bisher nur einem kleinen Kreise mitgeteilt, da die Goetheausgabe, für die
sie bestimmt sind, des Krieges wegen noch nicht erschienen ist. Ein kurzes Referat
über die Analyse des Ersten Teils findet sich in der Beilage zu den »Kantstudien«
XX (1915), Heft 2—3. Die Einleitung zum Zweiten Teil ist mir nicht bekannt
geworden.
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