Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 12.1917

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468 BEMERKUNGEN.

Ingenieurkunst.

Von

Heinrich Pudor.

Ist es nicht bezeichnend, daß man die erste Periode der Maschinenkonstruktion
in Deutschland diejenige der Kunstmeister genannt hat und daß die ersten deutschen
Maschinenkonstrukteure Bücking, Holtz, Egells sich als »Kunstmeister« bezeichneten?
Daß die berühmte Borsigsche Maschine, das Wasserwerk Sanssouci, aus dem Jahre
1842 als maurischer Tempel ausgestaltet wurde und daß man zu derselben Zeit in
England die Schiffsmaschinen in dorische und jonische einteilte? Die richtige Emp-
findung, daß der Bau von Maschinen eine Kunst ist, so gut wie das Malen von
Ölgemälden, muß wohl damals schon lebendig gewesen sein, wenn man auch un-
fähig war, die einzelnen Teile der Maschine harmonisch zusammenzufügen und die
Kunst nur äußerlich anflickte. Bei Trevithicks Dampfmaschine aus dem Jahre 1800
sind noch die einzelnen Teile der Maschine einzeln, wie verschiedene Maschinen,
aneinandergesetzt, und auch bei anderen älteren Benzinmotoren treibt der Motor
noch die Hinterräder an und befindet sich zwischen diesen.

Für den Standpunkt der Ingenieurkunst ist nun bei der ersten Periode der
Maschinenkonstruktion das Wesentliche dies, daß man noch nicht wagte, die Kon-
struktion offen zu zeigen, sondern sich bestrebte, sie dem Auge zu verbergen.
Etwas ganz Ähnliches ereignete sich etwas später bei den Eisenkonstruktionen, und
ganz im allgemeinen war man im Anfangsstadium der Ingenieurtechnik der Mei-
nung, daß das eigentlich Technische mit Kunst nichts zu tun habe und dem Anblick
verborgen bleiben müsse. Erst allmählich verringerte man diese äußerlichen ver-
bergenden Zutaten und ging dann auch dazu über, den Arbeitszweck der Maschine
selbst mit möglichst geringen Mitteln zu erfüllen. Die Maschine soll genau arbeiten,
sie soll standfest und stark genug sein, sie soll leicht und schnell zu bedienen sein
und möglichst selbständig arbeiten — kurz, rein praktische Erwägungen sind es,
die bei der Konstruktion einer Maschine maßgebend sind. Das Ästhetische, soweit
es schon in Erscheinung tritt, wird dagegen nur unbewußt und unwillkürlich be-
rücksichtigt, es bleibt meist unter der Schwelle des Bewußtseins. Man fragt sich
bei Prüfung einer Maschine: ist sie für die ins Auge gefaßte Arbeit stark genug?
Ist sie eine einfache und schnell zu bedienende Maschine mit einer ihrer Größe
und ihrem Preise entsprechenden Leistungsfähigkeit? Im allgemeinen beginnt man
heute schon, z. B. in den modernen Werkzeugmaschinen, auf die ästhetischen An-
forderungen in bewußter Weise Rücksicht zu nehmen. Freilich müssen wir uns
von vornherein darüber klar sein, daß das Ästhetische im Maschinenbau nicht etwas
rein Gedankliches, sondern durchaus materieller Natur ist. Es beruht auf der Über-
einstimmung der Zweckform mit der Materialform. Wo das Material mit den ge-
ringsten Mitteln den Zweck am besten erfüllt, werden auch die ästhetischen Anforde-
rungen am besten erfüllt sein. Um dies einzusehen, müssen wir uns das Bild
einer Maschine vor Augen halten.

Jede Maschine besteht aus einem Gehäuse und einem Werkzeug. Dazu kommt
noch der Antrieb. Diese drei Teile finden wir sowohl bei der Haus- und Heim-
maschine unserer Großmütter, dem Spinnrad (Rahmen, Spindel, Tretbrett), als auch
beim modernen Fahrrad (Fahrradrahmen, Kette, Treter). Zuvörderst auf dem gegen-
seitigen Verhältnisse dieser drei Teile einer jeden Maschine beruht das Ästhetische.
Beim Spinnrad ist das Verhältnis durchaus nicht so befriedigend, wie man annehmen
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