Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 13.1919

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196 BEMERKUNGEN.

Über Vergleichbarkeit künstlerischer Richtungen.

Von

Robert Ulich.

Wie der Fortschritt des öffentlichen Lebens aus drangvollem Widerspruch her-
vorwächst, so enthüllt uns auch die Biologie der Kunst oft genug das Hegeische
Gesetz vom Aufstieg der Welt in den Formen der Thesis, Antithesis und schließ-
lichen Synthesis.

Denn ebenso, wie auf dem lauten Forum der Weltgeschichte Nationen oder
Parteien aufeinanderprallen, bis das Morsche dem triebkräftigen Neuen erliegt, so
treten sich im stillen Bereich des künstlerischen Schaffens jene Verdichtungen
unterschiedlicher seelischer Kräfte gegenüber, die wir vielleicht am verständlichsten
mit dem Begriff der künstlerischen Richtungen bezeichnen.

Sie erzeugen sich, wenn sie ernst zu nehmen sind, aus der dauernd veränder-
lichen seelischen Haltung eines Volkes, und treten als solche niemals isoliert auf,
sondern in engem Zusammenhang mit religiösen, politischen, wirtschaftlichen Wand-
lungen. Wie könnte dies auch anders sein! Denn das Herz aller geschichtlichen
Vorgänge ist des Menschen Geist. Nur durch ihn besteht aller Dinge Wert und
Unwert; und wandelt er sich, so muß sich dies in allen seinen Lebensäußerungen
zeigen — in seiner Kunst wie in seinem Machtstreben, in seiner Ethik wie in
seiner Wirtschaft. Doch wie apriorisch uns diese Behauptung auch anmutet, die
unentwirrbare Verknotung des Lebens läßt sie nur selten in reiner Klarheit hervor-
treten. Allzuoft wird die klare Linie der Entwicklung durch rudimentäre Einflüsse
früherer Perioden gebrochen, und niemals verlegt sich die Kraft des Menschen
gleichermaßen auf alle Teilgebiete seiner Kultur, so daß in der einen Epoche
das wirtschaftliche und politische, in einer anderen das künstlerische, in einer
dritten das wissenschaftliche Interesse überwiegt und die übrigen Betätigungs-
möglichkeiten des Geistes nicht selbständig emporreifen läßt. In einem jeden Ab-
schnitt der Entwicklung liegt der Akzent anders, jede Periode zeigt uns eine
andere Färbung. Daher wird sich wohl auch niemals die Summe von einzelnen
Erfahrungen, die sich dem Geschichtsforscher aufdrängt, in eine gesetzmäßige
Formel einschmelzen lassen. Immer ersteht uns die Forderung, trotz der Er-
kenntnis tiefer Gemeinsamkeiten alle Einzelfälle für sich zu untersuchen. Und schließ-
lich verläuft sich hier das Nachdenken in die prinzipielle Frage nach dem letzten
Agens geschichtlicher Veränderungen — also tief in die Schranken persönlichster
Entscheidung, in die Sphäre von Religion und Metaphysik.

Doch wie dem auch sein mag, soviel ist wohl sicher, daß die künstlerische
Richtung keine Zufälligkeit, sondern historisch tief gegründet ist und also einge-
schätzt werden muß. Bloße kunsthistorische Abhängigkeitsforschung und ebenso aus-
schließliche Rückführung des Werkes auf das schaffende Individuum und seine singu-
lären Erlebnisse verkennt daher den tiefen Zusammenhang der Kunst mit dem im
außerkünstlerischen und überpersönlichen Stadium sich vollziehenden geistigen Leben.
So kann man, um nur einige Beispiele aus der Literaturgeschichte anzugeben, dem
Sturm und Drang des 18. Jahrhunderts nur gerecht werden, wenn man ihn als einen
naturalistischen Protest gegen die Unwahrheit des Rokoko auffaßt; die Romantik
haben wir im wesentlichen aus der Philosophie ihrer Zeit verstehen gelernt. Das
junge Deutschland ist politisch, der Naturalismus der 80er Jahre ist in wichtigen
Punkten sozial orientiert.
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