Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 13.1919

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Bemerkungen.

Die künstlerische Bewältigung des Raums.

Randbemerkungen
zu Heinrich Wölfflins Buch »Kunstgeschichtliche Grundbegriffe«.

Vun

Fritz Schumacher.

Es wird jedem, der die Gedanken in sich aufnimmt, die Wölfflin in seinem
Buch über die Grundbegritfe kunsthistorischen Betrachtens niedergelegt hat, ähnlich
ergehen: er wird den Cenuß spüren, den es macht, wenn ein Meister mit scheinbar
mühelosen Griffen die Fäden zu einem Bilde zusammenwebt, die er in den rast-
losen Beobachtungen eines mit Schauen und Grübeln gefüllten Lebens aus dem
bunten Knäuel der wechselnden Erscheinungen gesponnen hat.

Was man selber in einzelnen Augenblicken des Betrachtens empfand, auch wohl
als eigenen Faden hier und da ein Stück weit ähnlich zu spinnen begonnen hatte,
fügt sich zum klaren System zusammen, und man fühlt es wie eine Befreiung, den
inneren Zusammenhang in den Verschlingungen der Erscheinungen verfolgen zu
können.

Aber das ist nicht die einzige Wirkung. Wölfflins Werk wäre kein gutes Buch
wenn es nicht neben den vibrirenden Schichten des Denkens, die es beruhigt, zu-
gleich andere Schichten in Bewegung setzte. Die Gabe, die einem da geboten
wird, nimmt man nicht stumm als etwas Abgetanes entgegen, man wird gereizt, zu
prüfen, zu vergleichen, weiter zu weben.

Man fragt sich: Bewähren diese Fäden, die da so sicher geschlungen sind, ihren
Sinn, wenn man nun nach dieser und jener Richtung mit ihnen das Bild er-
gänzen will, c as ja niemals abgeschlossen wird, sondern sich unendlich weiter
entwickelt.

Mir scheint, daß das Buch gerade den Architekten, der es liest, vor solche
Frage stellen muß.

Wölfflin entrollt sein Bild nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich ausgehend
von der Malerei. Er schildert in erster Linie am Gemälde, wie in der Entwicklung
von Frührenaissance zum Barock der Übergang vom zeichnerischen zum malerischen
Empfinden die Form aus ihrer Isoliertheit erlöst (»Das Lineare und das Malerische«) —,
wie das Prinzip des Tiefenhaften den Bann bricht, der in der flächenhaften oder
schichtartigen Regie eines Geschehnisses liegt (»Fläche und Tiefe«) —, wie das
starre Gefüge geometrisch beeinflußter Verhältnisse in ein fließendes Gefüge um-
gewandelt wird (»Geschlossene und offene Form«) —, wie die Verselbständigung
der einzelnen Teile des Werkes einem einheitlichen Gesamtmotive Platz machte
(»Vielheit und Einheit«) —, und aus all diesen eng mit einander verwandten Um-
formungen, die den Übergang dessen, was wir »klassischen Stil« nennen, zu dem,
was wir mit »Barock« meinen, kennzeichnen, entwickelt er schließlich als Ender-
gebnis zwei verschiedene Richtungen des künstlerischen Bedürfnisses: das Bedürfnis
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