Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 15.1921

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108 BEMERKUNGEN.

kers nicht das geringste zu tun hat.« »Das Lebendige ist unteilbar und nicht um-
kehrbar, einmalig, nie zu wiederholen — und in seinem Verlaufe mechanisch völlig
unbestimmbar: das alles gehört zur Wesenheit;des Schicksals.« Und so erst be-
greift sich das Verhältnis von Menschenseele und Welt.

»Das Tiefenerlebnis verwirklicht, schafft mit einem Schlage die ausgedehnte
Welt, es ordnet mit schicksalhafter Notwendigkeit die Masse der Empfindungen
(Breite) durch die lebendige Richtung (Tiefe)« (427).

»Dies Erlebnis ist identisch mit dem Bewußtwerden der eigenen Seele.« Die
Innenwelt ist eine Funktion der Außenwelt. Die empirische Seele ist ihrer Gestalt
nach, das alter Ego, der Reflex der empirischen Natur. Hier liegt also eine wunder-
bare Wirkung des Tiefenerlebnisses vor. »Zur Welt gehört die Spiegelung einer
Oegenwelt. Auch die empirische Seele hat ihren Raum, ihre Tiefe, ihre Weite. Ein
,inneres Auge' sieht, ein ,inneres Ohr' hört. Es gibt eine deutliche Empfindung von
einer inneren Ordnung, die wie die äußere das Merkmal der Notwendigkeit trägt, —
hier entsteht das ethische Grundproblem von Freiheit und Notwendigkeit. Ihm liegt
der Widerspruch zugrunde, zwischen der Seele, die wir haben, fühlen, erleben, und
der, welcher wir uns verstandesmäßig bewußt sind. Was wir erkennen ist nur das
Seelenbild, gleichsam eine Landschaft im reflektierten Lichte des Tagesbewußtseins.
In bedeutenden, ganz innerlichen Momenten des Lebens ist es verschwunden, und
der Mensch ist sich seiner Seele und seiner ,Freiheit' unmittelbar bewußt.«

Aus solcher tiefeindringenden Analyse geht uns wohl auch die Einsicht auf,
was das menschliche Raumgebilde als künstlerische Schöpfung bedeutet, welche
Erlebnisse äußerer und innerer Schau sich in ihm verquicken mögen, und welchen
seelisch-geistigen Inhalt die verschlungenen Wege des Gehens, des Entlangschrei-
tens, des auf und ab, hin und wieder gleitenden Sehens mitsamt ihren Vermittlungen
in der Tastregion dem genießenden Besucher zu bieten vermögen. Das bestätigen
auch die Beispiele, die Spengler aus der Geschichte der Baukunst zu geben weiß.
Da ist zunächst der ägyptische Tempel1).

»Für den Ägypter war das über seine Weltform entscheidende Tiefenerlebnis so
streng hinsichtlich der Richtung betont, daß der Raum gewissermaßen in steter Ver-
wirklichung begriffen blieb. Das ägyptische Dasein ist das eines Wanderers; sein
Ursymbol ist der Weg — das Bild dieses im Bewußtsein andauernden weltschaffen-
den Aktes. Weg bedeutet zugleich Schicksal und dritte Dimension. Die mächtigen
Wandflächen, Säulenreihen, an denen er vorüberführt, repräsentieren Länge und
Breite, d. h. die Empfindung, das Fremde, welches das Leben erst zur Welt dehnt.
So erlebt der Wanderer den Raum gewissermaßen in seinen noch unvereinigten
Elementen (a. a. O. 270). — Das weltbildende Tiefenerlebnis dieser Seele empfängt
seinen Gehalt vom Richtungsfaktor selbst: die Tiefe des Raumes als erstarrte Zeit,
die Ferne, der Tod, das Schicksal selbst beherrschen den Ausdruck; die bloß sinn-
lichen Dimensionen der Länge und Breite werden zur begleitenden Fläche, die den
Weg des Schicksals einengt und vorschreibt« (286). »Diese Kunst gestattet keine die
Spannung der Seele erleichternde Ablenkung«2).

»Die ,altchristlichen Basiliken', im inneren Syrien und in Nordafrika, zeigen die
geheimnisvollen Schwingungen eines voll umschlossenen Raumes. Das war der
erste starke Eindruck einer neuen Seele (gegenüber dem Baugedanken der Antike).«

') Vgl. Grundbegriffe der Kunstwissenschaft, S. 18 ff. 27.

2) Außer in den Reliefdarstellungen, bei denen doch die Herrschaft der Verti-
kalen innerhalb der Horizontalen anerkannt wird, die im Raumgebilde selbst ver-
gessen ward.
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