Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 15.1921

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188 HERMANN GLOCKNER.

Wicklung nach die antike Welt Griechenlands gewissermaßen als ein
geniales Vorspiel des jugendlichen Weltenwerdens betrachten, derart,
daß wir uns durch die künstlerische Einheit des Ganzen über die
mannigfachen Disharmonien und gegeneinander anstürmenden Motive
hinwegtäuschen ließen, in denen sich der ganze Ernst einer folgenden
dramatischen Handlung doch nur allzu deutlich ankündigt! Diese
künstlerische Einheit ist keine tatsächliche gewesen, und die wissen-
schaftliche Forschung hat das verfrühte Urteil enthusiastischer Be-
wunderer richtiggestellt; aber insofern sich hinter jedem Einzelakkord
einer gedrängten, raschflutenden Entwicklung bei den Griechen mit
einzigartiger Deutlichkeit gleichsam die waltende Hand eines Meisters
zeigt, der alle Töne beherrscht, war die Täuschung begreiflich und
zugleich möglich, daß die spätere Welt am Sein und Werden dieses
Volkes unendlich lernen konnte und ewig lernen wird. Die Erörte-
rung fast jeder geisteswissenschaftlichen Frage muß deshalb, wenn
sie historisch vorzugehen gewillt ist, bei den Griechen beginnen, ganz
besonders aber eine so grundsätzliche wie die vorliegende Unter-M
suchung.

Ich glaube nämlich, daß jener hinter den tatsächlichen wider-
spruchsvollen Einzelerscheinungen stehende »Meister«, dessen führende
Hand wir im griechischen Geistesleben beständig zwischen den Tat-
sachen zu spüren glauben, nichts anderes ist, als was Simmel jenes
»Dritte« nennt, in dem er eine unerläßliche Grundeigenschaft des
Philosophen findet. »Es muß im Menschen — sagt er — ein Drittes
geben, jenseits ebenso der individuellen Subjektivität wie des allgemein
überzeugenden, logisch-objektiven Denkens; und dieses Dritte muß
der Wurzelboden der Philosophie sein, ja, die Existenz der Philosophie
fordert als ihre Voraussetzung, daß ein solches Drittes da sei. Man
mag dies — mit sehr ungefährer Charakteristik — als die Schicht der
typischen Geistigkeit in uns bezeichnen, denn Typus ist doch ein
Gebilde, das sich weder mit der einzelnen, realen Individualität deckt,
noch eine Objektivität jenseits der Menschen und ihres Lebens dar-
stellt. Und es äußern sich tatsächlich in uns geistige Energien, deren
Betätigungsinhalte nicht subjektiv-individuellen Wesens sind, ohne
darum doch die Nachzeichnung eines Objektiven, das dem Subjekt
gegenüberstünde, zu sein. So scheidet ein Gefühl in uns, oft mit
großer instinktiver Sicherheit, zwischen solchen Überzeugungen und
Stimmungen, die wir uns als unsre rein persönlichen und subjektiven
anzuerkennen bescheiden, und andren, für die wir zwar ebensowenig
objektive Beweise anzuführen wüßten, die wir aber doch andern,
oder gar allen andern zu teilen zumuten — als spräche ein Allge-
meines in uns, als bräche jener Gedanke oder jene Empfindung aus
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