Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 15.1921

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KUNSTCHARAKTERE SÜDABENDLÄNDISCHER VÖLKER. 375

getan. Schon der Begriff des Optischen legt sich in zweierlei Mög-
lichkeiten auseinander: in das Optisch-Zweidimensionale (Flächenhafte)
und das Optisch-Körperhafte. Eine weitere Reihe von Begriffen ist
dann besonders für die Darstellung der Kunstcharaktere abendländischer
Völker (südalpin und nordalpin) unbedingt nötig. Auf vorläufige de-
finitorische Festlegungen verzichten wir, um alles dem geschichtlichen
Anschauungsstoff zu überlassen.

Alles orientalische Kunstschaffen ist von Anfang an optisch-flächen-
haft, unkörperlich-zweidimensional und will in seinen Taten entspre-
chend gewertet sein. Alle abendländische (süd-, west- und mittel-
europäische) Kunst ist entweder taktisch-körperhaft, gesteigert drei-
dimensional oder optisch-dreidimensional, tiefenhaft und körperlich
konzipiert. Die erste Möglichkeit tritt entweder allein auf: es ist das
Südabendländische schlechthin in ganz bestimmten Epochen seiner
Entwicklung als Zeichen vollendeter Loslösung vom Orientalischen
(oder Orientalisierten): Dorik und italienische Renaissance, oder sie tritt
in ein Wechselspiel ein mit der zweiten Möglichkeit. Es ergibt sich
ein Dualismus — der Dualismus der abendländischen Kunstseele (der
faustischen Seele!) überhaupt — aus taktischen und optisch-drei-
dimensionalen Werten, etwa in französischer Gotik oder im italienischen
Barock.

Der reine Orient kennt keinen derartigen Dualismus. Er ist völlig
monistisch in seinen ästhetischen Werten.

* Zürn letzten aber offenbart sich das Optisch-Körperliche auch ganz
allein. Das ist bezeichnend für die sonderlich-ionische Kunstveran-
lagung. Auch in anfänglicher wie spätester Entfaltung deutschen
Kunstschaffens gibt es Zeiten, in denen man ausschließlich optisch-
körperhaft eingestellt ist und oft sogar dem Orientalischen scheinbar
sehr nahe kommt. Es sind Punkte größtmöglicher Annäherung an
das Optisch-Flächenhafte einmal im frühesten Mittelalter, zum anderen
im spätesten Barock, wo die Entkörperlichung und damit die Ver-
geistigung der Architektur und der Ornamentation am weitesten, fast
unwahrscheinlich weit gediehen sindx).

1. Dorischer und ionischer Kunstdialekt.

Selbstverständlich wird alle Architektur, wie alle bildende Kunst,
durch das Auge erlebt. Der Begriff des Taktischen trifft nur einen

') Vor allem in Spätromantik, Spätgotik, Spätbarock. Verfasser hat über das
Wesen der »Spätstile deutscher Baukunst« eine besondere größere Arbeit vorbe-
reitet, die im Laufe des Jahres als Buch erscheinen wird.


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