Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 16.1922

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Bemerkungen.

Das Kunstwerk als „Wertvolle Fiktion"1).

Ein Beitrag zur Ästhetik des „Als Ob".

Von

Ludwig Volkmann.

Die Vorrede zu H. Vaihingers »Philosophie des Als Ob« schließt mit folgenden
Geleitworten des Verfassers für sein bedeutsames Werk: »So wie es nun ist, mag
es manchem das lösende Wort in quälenden Problemen bringen, manch anderen
aus dogmatischer Ruhe in neue Zweifel stürzen, bei vielen Anstoß erregen, aber'
hoffentlich auch einigen neue Anstöße geben«. Indem ich zunächst gern und dank-
bar bekenne, daß ich zu den vielen gehöre, an denen sich der erste Teil dieses Satzes
wohltätig bewährt hat, möchte ich zugleich der am Schlüsse desselben geäußerten
Erwartung zu entsprechen versuchen und in kurzen, prinzipiellen Zügen die An-
wendung der »Als Ob-Theorie« unter neuem Gesichtspunkt auf ein Gebiet erörtern,
auf dem mir noch nicht die volle, lösende Konsequenz daraus gezogen zu sein
scheint —auf das ästhetische. Und doch dürfte gerade Vaihingers Anschauung,
richtig verstanden und restlos zu Ende gedacht, gerade hier berufen sein, Miß-
verständnisse zu beseitigen und klärend und versöhnend zu wirken.

In den »Vorbemerkungen zur Einführung« seines Buches (Seite XVII) sagt Vaihinger
selbst: »In der Ästhetik hat die .Philosophie des Als Ob' ebenfalls schon ihre Ver-
tretung. Denn die Ästhetik hat das Glück, ein grundlegendes Werk zu besitzen, in
welchem die Fiktion, die Als-Ob-Betrachtung unter dem Namen der .bewußten
Selbsttäuschung' als Prinzip des künstlerischen Schaffens und Genießens dargestellt
worden ist: es ist dies Konrad Langes ,Wesen der Kunst', eine mustergiltige Dar-
stellung des Als Ob in der Ästhetik oder der Ästhetik des Als Ob«. Und K. Lange
seinerseits stellt in seiner Rede »Über den Zweck der Kunst« (Anmerkung 22)
"n Anschluß an dieses Urteil fest, daß Vaihinger — dem er im übrigen eine Fülle
von Anregungen verdanke — mit Rücksicht auf sein Buch die ästhetische Illusion
"•cht behandelt habe. In der Tat hat Vaihinger sich darüber wenigstens nicht
systematisch verbreitet und ich muß gestehen, daß ich dies bedaure; denn ich glaube,
aß er selbst, entsprechend seinen Folgerungen auf anderen Gebieten, auch hierin
noch zu anderen Resultaten gelangt wäre, und daß er mit der bedingungslosen
2ustimniung zu K. Längs »Illusionstheorie« ein wenig von seiner eigenen Lehre
preisgegeben hat, ähnlich wie er dies gelegentlich (vergleiche Seite 689) bei seinem
Meister Kant zugibt.

Wenn ich also im Folgenden versuchen will, Vaihingers Maßstab kritisch an
d,e Illusionstheorie anzulegen und so gleichsam Vaihinger gegen Vaihinger auszu-
spielen, so möchte ich von vornherein betonen, daß es sich dabei um eine Aus-
einandersetzung mit Vaihinger beziehungsweise mit seiner Richtung über jene
Theorie handeln soll, nicht aber um eine Auseinandersetzung mit Konrad Lange;

') Diese Arbeit wurde vom Herrn Verfasser bereits Ende 1920 eingesandt.

Die Redaktion.
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