Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 16.1922

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BEMERKUNGEN. 3g!

Über den ästhetischen Genuß.

Von

Paul Wohlfarth.

Der Sinn der ästhetischen Welt, daß Gegebenheiten aller Art ihrer reinen Sach-
lichkeit und unmittelbaren Zwecksetzung entkleidet und anderen Gesichtspunkten,
Werten, Gesetzen unterstellt werden, scheint doch auf Schritt und Tritt in Frage
gestellt, ja durch die oberflächlichste Überlegung dementiert zu werden. Schon
beim Begriff ästhetische Welt setzen diese Schwierigkeiten ein, denn Welt ist ein
Inbegriff objektiver, allgemeingültiger Werte, die Anerkennung von jedem heischen,
der in sie eingeht. So die Welt der Wissenschaft, der Moral, des Rechts, der
Religion. Im Bereiche des Ästhetischen will sich aber jeder Standpunkt und Frei-
heit wahren. Nicht nur der ästhetisch Uninteressierte entzieht sich jedem Gelten,
sondern gerade je feiner organisiert sich jeder fühlt, mit desto größerer Entschieden-
heit stabiliert er hier seine Souveränität gegenüber allen Sätzen, stets geneigt, ihnen
die Geltung zu versagen. Aber noch mehr, die Welt der Wissenschaft kann man
entweder anerkennen oder leugnen. Erkennt man sie aber an, so jedenfalls als
ganze. Der Chemiker, der erklären würde, Radium sei nun einmal nicht sein Fall,
würde nur einem Achselzucken begegnen. Diese Universalität scheint der Welt des
Ästhetischen zu fehlen. Nicht nur, daß vielen jedes Verständnis für Musik oder
Baukunst mangelt, denen Dichtung und Malerei die höchsten Freuden bereiten,
gestaltet sich auch der Geschmack auf dem Gebiete jeder Kunst für sich ganz ver-
schieden. Es gibt sicher viele, die, an sich musikfreudig, für Bach nichts übrig
haben, die, obwohl der Dichtkunst in hohem Maße zugänglich, Dostojewski nur
mit Widerwillen zur Hand nehmen. Gegen sie läßt sich wirklich im Ernste nichts
vorbringen. Man kann ihnen vielleicht die Kraft oder Zartheit der Darstellung, die
Anschaulichkeit der Schilderung, das Pathos der Leidenschaft, das Hinabsteigen in
letzte seelischen Tiefen überzeugend vor Augen führen, jene unbeschreibliche Be-
glückung, die nun einmal die Welt des Ästhetischen bestimmt, wird man ihnen nie
einhämmern können. Ohne sie mag es eine Wissenschaft der Ästhetik geben, diese
gehört aber in die Welt der Wissenschaft. Die Welt des Ästhetischen erfordert
den ästhetischen Genuß.

Diese Fragwürdigkeit haftet nun offenbar allen Gegenständen der ästhe-
tischen Welt an. Auch die Naturschönheit macht keine Ausnahme. Der eine hat für
das Meer, der andere für das Gebirge nichts übrig. Dieser liebt nur die eisgepanzerten
Gipfel der Zentralalpen, jener die schroffen Türme und Nadeln der Dolomiten.
Vollends die Schönheit der deutschen Ebene ist erst vor noch gar nicht so langer
Zeit erschlossen worden. Keinem Maler wäre es wenigstens vor 100 Jahren ein-
gefallen, eine einsame Wiesen- oder Heidelandschaft zu malen.

Alle diese Überlegungen sind aber so wenig geeignet, die Welt des Ästhetischen
in ihren Grundlagen zu erschüttern, daß sie ihr vielmehr erst Unvergleichbarkeit
und Reichtum verleihen. Ist es ihr eigentümlich, daß jedem Gegenstande Auf-
nahme und Hingabe versagt werden kann, so entspricht dem doch anderseits das
entgegengesetzte, positive Verhalten: daß kein Gegenstand möglich ist, der von ihr
ausgeschlossen wäre. Ob er nach seinem reinen Sach- und Zweckgehalt schön
oder häßlich, bemerkenswert oder gleichgültig ist, in der Welt des Ästhetischen
müssen alle diese Bewertungen schweigen oder vielmehr erlöschen. In höherem
Maße vielleicht als gewisse Straßenszenen niederländischer oder spanischer Maler
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