Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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DAS ROLLENGEDICHT.

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Quelle her, an der alle Poesie entspringt. Die Dichtung befriedigt das
Streben des Menschen, eine Rolle zu spielen, sich in anderer Gestalt
verkörpert zu sehen. Dieses Streben findet im Rollengedicht seinen
sichtbarsten Ausdruck, weil hier der Blick beschränkt ist auf nur eine
Person, in der man ganz aufgehen kann. Nur vom Standpunkte des
Kunstgenießenden bildet das Rollengedicht eine Einheit. Und es ist
auch für ihn eine zusammengesetzte Einheit, denn es vereinigt ja die
Wirkungen aller Dichtungsgattungen. Letzten Endes liegt der Wert
des Rollengedichts gerade in seinem Charakter als Übergangsform. Als
solche fördert es nicht allein die Erkenntnis der Dichtungsgattungen
in hohem Maße, es ist zugleich ein Versuch, durch Verschmelzung
der dichterischen Formelemente etwas Neues zu schaffen.
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