Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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III.

Rahmenlosigkeit des japanischen Kunststils.

Von

Tsuneyoshi Tsudzumi.

Alle Künste haben ihre Rahmen. Der Rahmen bezeichnet eigent-
lich den Ort, wo sich ein Kunstwerk von seiner heterogenen Um-
gebung abschließt und zu einer unabhängigen, selbstgenügenden Welt
macht. In dem Sinne soll jede Kunst den Rahmen haben, denn ein
Kunstwerk ist jedenfalls kein Stück der Natur und hat unbedingt die
Wirkung, die uns den wirklichen Zusammenhängen entreißt und in
eine besondere Welt versetzt.

Wenn man aber einmal vom Rahmen spricht, so erinnert man sich
gleich an den Bildrahmen, der den Ort versinnlicht, wo die betreffende
Funktion vor sich geht, und der nicht lediglich dem Kunstwerke noch
dessen Umgebung angehört. Der Bildrahmen ist aber nur eine der
Versinnlichungen der verschiedenen Rahmen der Kunst. Ein solcher
gehört nicht bloß der Malerei, sondern die übrigen Künste haben
auch ähnliche, jede für sich in irgend einer Form. Die Kunst hat also
überhaupt Rahmen. Unter dieser Voraussetzung allein kann man auch
über eine Eigenart der Kunst im allgemeinen in bezug auf den Rahmen
sprechen. Indessen müssen wir unsere Betrachtung einstweilen auf
den Bildrahmen beschränken, weil die handgreiflichen Verhältnisse des-
selben uns vor Verwirrungen schützen, wie sie die ideellen oder
schwer festzustellenden Rahmen der anderen Künste leicht veranlassen
mögen.

Wie wir oben gesehen, müssen alle Kunstwerke, insofern sie zu
diesem Namen berechtigt sind, irgendwie Rahmen haben, sei es im
sinnlichen, sei es im ideellen Sinne. Und die Rahmen der Künste in
allen möglichen Formen dürften etwas vereinfacht und verdeutlicht
gerade im Bildrahmen enthalten sein, so daß man ihn als den Inbegriff
der Rahmen ansehen könnte. Diese etwas verführerische Ansicht wird
gleich ihre Ungenauigkeit enthüllen, wenn man den darauf bezüglichen
künstlerischen Tatbestand noch genauer prüft. Was ist der Bildrahmen
eigentlich? Er ist ein kunstgewerbliches Produkt, das gar nicht zum
Wesen des von ihm umfaßten Bildes gehört. Jeder Rahmen paßt zu
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