Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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MARKES' ENTFÜHRUNG DES GANYMED.

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Ausdruck des Göttlichen, so wie wir es uns vorzustellen pflegen: ein
Geheimnisvolles, Allgewaltiges, ruhig Erhabenes, nach oben Ziehendes.
Und ebenso kommen diejenigen Momente, welche den Jüngling körper-
lich und seelisch charakterisieren, auch insgesamt dem religiös Emp-
findenden, zum mindesten bestimmten Typen desselben in besonderem
Maße zu: das Lichte, Zarte, Reine, Hingebende. Vor allem aber ist hier
die Ovalkomposition von entscheidender Bedeutung1). Indem sich
nämlich das Rahmenoval sowohl in Form als auch in Farbe dem Adler
angleicht und sich so als seine ideelle Vergrößerung und Übersteige-
rung darstellt, gewinnt das im Adler waltende Prinzip den Charakter
eines in sich geschlossenen Ganzen, das den Jüngling, welcher in das
Oval hineinkomponiert ist, als einen Teil seiner selbst umschließt.
Hierbei erscheint dieses Ganze aber nicht als ein Begrenztes, sondern
als ein Unendliches, weil das Oval nur in den Ecken sichtbar wird
und auf diese Weise seine einschließende Funktion gleichsam nur an-
gezeigt ist. So wird das, was in der Gruppe von Adler und Jüngling
zuerst als ein physisches Kräfteverhältnis, dann als eine seelische Be-
ziehung zum Ausdruck kam, schließlich auch noch zum Sinnbild eines
bestimmten religiösen Zustandes: des ^Ruhens in Gott«. Unterstützt
wird diese symbolische Auffassung auch noch dadurch, daß die Gruppe
genau die Mitte des Bildes einnimmt. Die Schräge, welche durch die
Stellung des Jünglings hereinkommt und quer von rechts oben nach
links unten verläuft, wird ja wieder aufgehoben durch die Schräge,
welche die Abgrenzung zwischen Himmel und Baumwerk bildet und
sich quer von links oben nach rechts unten hinzieht. In Einklang damit
steht auch die strenge horizontal-zentrische Perspektive, der sich eine
zusammen mit dem Hochformat in derselben Richtung wirkende Tief-
exzentrizität verbindet -)• Und hier ist es nun auch die Landschaft, welche
mit ihrem iHinauf! in den religiösen Akkord einstimmt. Schließlich
trägt auch noch die Farbgebung dazu bei, den religiösen Symbolgehalt
zu stärken. Indem nämlich die Farbtöne im allgemeinen sehr dunkel ge-
halten sind3) und außerdem ineinander überfließen, wird das unbestimmte
Schwarz des Adlers nicht als bloßer Kontrast zum übrigen empfunden,
sondern auch als das Dunkel, aus dem sich alles Licht gebiert.

') Die symbolische Auffassung überhaupt wird besonders dadurch nahegelegt,
daß das Rahmenoval, wie bereits in Anm. 4, S. 91 bemerkt wurde, als ein gemaltes
in die eigentliche Bilddarstellung einbezogen wird.

*) Sowohl die Mittelstellung der Figuren und die horizontal-zentrische Perspek-
tive als die Tiefexzentrizität sind typisch für das religiöse Andachtsbild.

') Marees hat die hellen Farben, in denen er das Bild zuerst malte, nachträglich
durch Übermalen ins Dunkle transponiert.

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