Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 22.1928

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EMIL LUCKA.

gegen nur in der Zeit, sie steht nicht eine Silbe lang still, sie ist ein
unaufhaltbarer Fluß, dessen Geschwindigkeit wandelbar ist, dessen
Gang durch Stauwehren gehemmt, durch ein stärkeres Gefälle be-
schleunigt werden kann. In der Sprache selbst liegt ihr tiefstes und
eigenstes Formprinzip: der Rhythmus. Er ist der ganz persönliche
Herzschlag und Atemzug einer Seele, der in ihre Rede — Dichtersprache
ist ja immer das lebendige Wort, zu dem das gedruckte nur hinführen
will — hineinschlägt, der die Sprache gliedert, ihr den zudringenden
Weltstoff einformt. Jeder Stoff trägt ja Impulse zu einem besonderen
Rhythmus in sich, der Stoff, der mehr oder weniger gegliedert ange-
schaut wird, färbt ungewollt und unbewußt das schwebende Medium
der Sprache von sich aus, teilt ihm Ruhe oder Bewegung, Wucht
oder Leichtigkeit in hundert kaum faßbaren Schwebungen mit.

Soll ein ruhendes Stück Welt ins sprachliche Bereich übersetzt,
eine Landschaft, ein Zimmer, ein Gemütszustand geschildert werden,
so paßt sich der sprachliche Rhythmus an, der Rhythmus der Prosa
— unrhythmische Prosa ist ja undichterische Prosa —, der Fall der
Verse beschwört Visionen ruhenden Daseins. Aber das Wesen der
Sprache, das Strömen in der Zeit ist, widerstrebt im tiefsten der
Schilderung, der Wiedergabe unveränderlicher Zustände, denn Ge-
schehen und Wandel sind dem sprachlichen Bereich einzig angemessen;
man weiß ja, daß Schilderung lieber in zeitlich fortfließendes Erzählen
verwandelt wird (das Schulbeispiel vom Schild des Achilleus). Weitaus
die Mehrzahl aller Dichtungen übersetzt den Strom des Weltgeschehens
in einen parallelen sprachlichen Strom — wobei kleine Inseln ruhender
Welt von sprachlichen Wellen umflossen werden können. Je stärker
die primäre Dichterkraft ist, mit desto größerer Sicherheit, ungewollt,
halb unbewußt, wird sich Welt in Wort umsetzen, desto überzeugen-
der wird der Rhythmus der Sprache, die Ausdruckskraft und das spe-
zifische Gewicht der Worte, der Bau der Sätze jenes Weltgeschehen
vor die Seele rücken, desto weniger wird der Leser oder Hörer merken,
daß zwischen ihm und der heraufbeschworenen Welt noch wie eine
dünne Wand etwas steht: die Sprache. Je vollkommener und je inten-
siver dem Empfangenden Geschehen, Fühlen, Gedanken auferlegt
werden, je unentrinnbarer er in den Weltstrom hineingezwungen wird,
sich selbst vergessend, ganz hingegeben, je suggestiver die befohlene
Welt Wirklichkeit geworden ist: desto größer ist die Dichtung. Es
ist ja schon bei der Lektüre gewöhnlicher undichterischer Schriften
fast selbstverständlich, daß man die Worte nicht bemerkt, sondern den
Sinn ganz unmittelbar aufnimmt; sind Stellen in fremder Sprache ein-
gestreut, so liest man, ohne recht zu merken, daß die Sprache ge-
wechselt hat, ununterbrochen auffassend fort.
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