Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 23.1929

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BEMERKUNGEN.

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die Stimmpädagogik bei Griechen und Römern behandelte, versuchte die vorliegende
Untersuchung die der antiken Stimmkunst zugrunde liegenden ästhetischen Voraus-
setzungen aufzuzeigen, die bei der Rekonstruktion damaliger Theatervorstellungen
mit in Rechnung zu ziehen sind. Die spezifischen Ansprüche an die antiken Schau-
spieler hinsichtlich ihrer Stimmbetätigung waren hauptsächlich durch die Räumlich-
keiten der Theater, durch das Tragen von Masken, Nachahmung der Frauenstim-
men und Beherrschung von Sprech- und Gesangskunst gegeben. Rein klanglich
dürften die Griechen, wie heute noch, über lyrische, weiche, biegsame Organe mit
Anlage zu leichter Höhe verfügt haben. Die erhaltenen Notenreste griechischer
Vokalmusik, vom Umfang einer mittleren Männerstimme, geben keine Vorstellung
von griechischer Gesangsmelodik, war doch das improvisatorische Element gerade
ein integrierender Bestandteil. Dazu kommt die Unklarheit, was gesungen oder
gesprochen worden ist. Aber trotz dieser fehlenden Kenntnisse ist der Unterschied
zwischen der antiken Stimmkunst und den Gesangsaufgaben der Renaissance-Opern
evident. Jene gibt uns aber schon einen Einblick in die Anfänge einer Ästhetik der
Stimmgattungen, die freilich erst die Oper ausprägte.

Wie allgemein in ihrer Kunst, erstrebten die Griechen auch hier eine har-
monische Einheit. Bei ihnen war sowohl der tragische Gesang wie das begleitende
Gebärdenspiel so einfach, daß die Kräfte eines einzigen hinreichten, beidem gerecht
zu werden. Die Römer zogen dagegen die vereinzelte Meisterschaft vor, weil es
ihnen nicht gegeben war, durch gemäßigte Akzente des Seelenleidens zu rühren und
mit schonender Hand die Tonleiter der Gefühle zu durchspielen*). Gegenüber dem
zusammenstimmenden Eindruck eines Kunstwerkes im Ganzen bei den Griechen
zeigten die Römer Sinn für das hervortretende Talent des Virtuosen.

i) Schlegel, a. a. O. S. 186 f., 190.
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