Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 23.1929

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MAXIMILIAN BECK.

weil sie a 1 s Analyse stets schon vor dem, was sie eigentlich deutlich
machen möchte, haltmachen muß und nur stammelnd andeuten kann,
was der als Schönheit erfaßt, der sie auch wirklich in selbsteigenster An-
schauung erfaßt. Die große Gefahr für die Philosophie einem wesenhaft
irrationalen Phänomen gegenüber ist, daß sie, immer Ausschau haltend
nur nach etwas, was sich begrifflich fixieren und bewältigen läßt, an dem
eigentlich zur Diskussion stehenden Phänomen blind vorbeirennt und ihm
etwas unterschiebt, was zwar begrifflich zu bewältigen ist — aber eben
nicht das ist, was zur Diskussion steht.

Hat sich aber die Ästhetik ihres eigentlichen Gegenstandes in der
Weise, wie es hier angedeutet wurde, angemessen versichert, dann steht
sie nicht etwa am Ende ihrer Untersuchungen, sondern erst recht am
Anfang. Denn eine Fülle neuer Problemstellungen sind nun mit einem
Schlage gesichtet. Und keines dieser neuartigen Probleme kann sie als
selbständige Wissenschaft, unabhängig von der Metaphysik, der sie ganz
und gar eingebettet ist, lösen. Es sollen hier nur die wichtigsten
Probleme erwähnt werden. Zu allererst muß sich die Metaphysik mit
jenen Befunden auseinandersetzen, die dem von ihr konstatierten Tat-
bestand entgegenzustehen scheinen. So die Tatsache, daß es einerseits
eine Fülle von Formen und Gestalten gibt, die als solche — also vor
aller Wirklichkeit — schön zu sein prätendieren und andererseits wieder
eine Fülle anscheinend von sich aus häßlicher Formen und Gestalten.
Und selbst wenn sie dieses Tatbestandes ohne gewaltsame Konstruktion
Herr geworden ist zugunsten der These: Jedes Körperding und jede
sinnliche Qualität ist nur qua ihres Wirklichseins schön — dann steht sie
vor dem Problem: Was ist der „Sinn" des Phänomens Häßlichkeit (all-
gemein und prinzipiell: des Unwerts überhaupt) — auch wenn es nur
ein S c h e i n phänomen ist? Denn auch dieser „Schein" ist doch Tat-
sache! Offenbar ist dieses Problem etwas ganz anderes als das Problem
der Ursachen und Bedingungen dieser Tatsache. Ferner: Wie
ist es zu verstehen, daß wir doch dauernd das Bewußtsein haben,
wirkliche Dinge zu sehen und nur ausnahmsweise Schönheit wahr-
nehmen zu können glauben. Ist der normale ständige Wirklichkeits-
charakter der Dinge identisch mit jenem Wirklichkeitscharakter, der dem
Wertphänomen gleichgesetzt wird? Ferner: Wie reimt sich der Satz,
Schönheit sei das Wirklichsein der Körperwelt, zusammen mit der Tat-
sache, daß es auch Schönheit des bloß Vorgestellten und Phantasierten
gibt und daß diese Schönheit die bevorzugte Sphäre der darstellenden
Künste ist? Und entspricht der Schönheit des darstellenden Kunstwerks
stets auch Schönheit als Wert des Dargestellten? Etwa auch in der
Poesie, wo doch meist nur Innerliches zur Darstellung gelangt?
Und was bedeutet „Darstellung"? Was ist überhaupt Wesen und Sein
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