Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 23.1929

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DIE NEUE PROBLEMLAGE IN DER ÄSTHETIK.

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der Künste? Was bedeutet „Äußeres" und „Inneres"? Was „Ausdruck"?

Ferner: Die Naturwissenschaft leugnet Objektivität und Wirklichkeit
gerade jener Dinge und Qualitäten, deren Schönheit erfaßt wird, und
supponiert ihnen physikalische Entitäten, die als Realisierungsgebiete
von Schönheit für unsere Wahrnehmung überhaupt nicht in Frage kom-
men. Wie verhalten sich die ästhetischen Befunde zu den Aufstellungen
der Naturwissenschaft?

Schließlich aber die metaphysische Grundfrage selbst: Was bedeutet
Wirklichsein im Unterschiede von erkenntnistheoretischer objektiver Exi-
stenz? Und damit im Zusammenhang: Was bedeuten ontologische Struk-
turen von Substanz und Akzidenz, d. i. von Tragendem und Getragenem
und von Form und Materie? Was bedeutet Substrathaftigkeit? Was
bedeutet Konkretheit des Wirklichen im Unterschiede von abstrakter Iso-
liertheit rationaler Wesen oder Ideen, und wie verhalten sich rationale
Wesenszusammenhänge zu irrationaler Konkretion der Wesen?

So betrachtet, entpuppt sich die Ästhetik als eine der Möglichkeiten,
die metaphysischen Grundfragen allen konstruktiven Erledigungen, fern
von allen Verifizierungsversuchen in kontrollierbaren Einzelgebieten, zu
entziehen. Was nicht bedeuten soll, daß Metaphysik aufhören soll oder
kann, die selbständige, allen übrigen Wissenschaften vorangehende prima
philosophia zu sein. Wohl aber, daß es Instanzen gibt, vor denen sie
sich exemplarisch darüber ausweisen kann, ob ihre Theoreme bloße Hirn-
gespinste oder wirkliche Erkenntnisse sind.

Es ist leider nicht möglich, in einer Skizze für das skizzierte Material
auch die B e w e i s e zu geben. Dies läßt sich nur in eingehenden Einzel-
analysen vor Augen führen. Diesbezüglich verweise ich auf mein Buch
„Wesen und Wert", das eine solche exemplarische Verifizierung des
metaphysischen Grundaspekts auf ästhetischem Gebiete zu geben ver-
sucht. Im Verein mit analogen Verifizierungsversuchen auf andern Wirk-
lichkeits- oder Wertgebieten — nämlich des Vitalen, des Seelischen und
des Geistigen — ist eine solche Ästhetik anzusehen als Teil eines Siche-
rungsversuches metaphysischer Einsichten, die, ohne selbst in solchen
Analysen zu gründen, durch diese doch so etwas wie eine konkrete
Bewährungskraft ihres apriorischen Gehaltes empfangen. So,
daß wenn einmal diese Metaphysik selbst in deduktiver Form in
Angriff genommen wird, nicht wird gesagt werden können, es handle
sich bloß um eine der konkreten Grundlagen entbehrende abstrakte
Spekulation.
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