BEMERKUNGEN.
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Im Impressionismus wurzelt auch die letzte Richtung-, die das Stilleben in
seiner Entwicklung genommen hat, und die zu unserer Zeit führt. Schon Cezanne
übernahm von der Natur keine Geschehnisse und Erlebnisse, sie war für ihn
kein Held, sondern der malerische Gegenstand, die Grundlage der Gesichts-
erscheinung; er wollte die ganze Natur „ohne Gegenstand" erfassen. Die Kubi-
sten, die unmittelbar an Cezanne anknüpfen, gehen noch weiter. Sie rauben dem
Gegenstande seinen „gegenständlichen" Charakter, zerlegen ihn in neue Bestand-
teile, in neue malerische Gegenstände. Sie stellen keine Gegenstände dar, sondern
konstruieren mit den Gegenständen; an die Stelle der Dingmalerei tritt die ding-
liche Malerei. Die Kubisten und ihre Nachfolger führen die Kunst zu einer sach-
lichen Auffassung der ganzen Welt.
Wir sehen also, daß das Stilleben sich in seiner folgerechten Entwickelung
auf alle Gebiete der Malerei bezieht: auf das Interieur, das Genre, das historische
Gemälde, die Landschaft. Jetzt ist der Höhepunkt dieser Entwickelung erreicht:
das Stilleben umfaßt nun alle Gebiete der Malerei und ist eine Bezeichnung nicht
nur für Malerei, sondern auch für jede darstellende Kunst geworden. Früher
verstand man unter dem Stilleben bald das Interieur, bald die Landschaft. Jetzt
hat eine Zeit begonnen, wo man alles in der Malerei — Genre, Interieur und
Landschaft — als Stilleben erklärt. Das Stilleben ist zu einer besonderen Welt-
anschauung geworden.
Die Geschichte der Terminologie hat uns aber völlig überzeugt, daß der
Begriff „Stilleben" nur einem engen geschichtlichen Gebiete in der Entwickelung
der europäischen Malerei entspricht, sich nur auf einen Ausdruck ihrer stilisti-
schen Entwickelung bezieht und daß das Wesen und die geschichtliche Gesamt-
heit dieses Kunstgebietes von ihm nicht umfaßt werden können. Die äußere
Grenze des Stillebens bestimmt nicht die Darstellung der leblosen Dinge, son-
dern der Dinge, die, trotz ihres organischen Baues, unselbständig existieren.
Deshalb müßten wir eigentlich an die Stelle des Begriffs „Stilleben" einen anderen
Ausdruck: „die gegenständliche Malerei" setzen. Er würde alle Verschiedenartig-
keiten und Abstufungen eines ganzen malerischen Gebiets — von den Läden eines
Snyders bis zu den Kontrereliefs Tatlins — umfassen. Alle Gegenstände und
Wesen, die man aus ihrer natürlichen Umgebung entfernte, aus ihrer eigent-
lichen Sphäre nahm, ihres Elementes beraubte und in eine neue Zweckmäßigkeit
brachte, sind der Inhalt des Stillebens.
Das Stilleben im engsten Sinne des Wortes, als ein spezielles Gebiet der
Malerei, als Bild, ist eine sehr späte Erscheinung. Wenn wir einige einzelne
Fälle in der Malerei des fernen Ostens außer Betracht lassen, so finden wir das
reine Stilleben erst in der letzten Periode der europäischen Kunst. Von der gegen-
ständlichen Kunst kann man aber auch im weiteren Sinne des Wortes sprechen.
Das Leben der Gegenstände beschäftigt die Phantasie des Menschen nicht weni-
ger als das organische Leben. Wenn wir die Entwickelung der Kunst betrach-
ten, so sehen wir, wie die Aufmerksamkeit der Künstler von Verschiedenem gefes-
selt wird: bald ist es das Gären der rohen Materie (in der Gotik), bald die
Oberfläche des Gegenstandes, seine veränderliche Hülle (im Barock), bald die
Zusammensetzung, Zweckmäßigkeit, Funktionalität des Gegenstandes (in unserer
Zeit — die Maschine, die Architektur). Man kann auch eine gewisse allgemeine
Gesetzmäßigkeit der Entwickelung dieser Gegenstandsempfindung feststellen. Den
Perioden der Nachahmung der wirklichen Dinge, der „Darstellung" des Gegen-
standes, folgen Perioden, da der Mensch selbst Gegenstände schafft, „neue Sachen
macht". Natürlich interessiert uns hier nicht jeder Gegenstand, sondern „der
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Im Impressionismus wurzelt auch die letzte Richtung-, die das Stilleben in
seiner Entwicklung genommen hat, und die zu unserer Zeit führt. Schon Cezanne
übernahm von der Natur keine Geschehnisse und Erlebnisse, sie war für ihn
kein Held, sondern der malerische Gegenstand, die Grundlage der Gesichts-
erscheinung; er wollte die ganze Natur „ohne Gegenstand" erfassen. Die Kubi-
sten, die unmittelbar an Cezanne anknüpfen, gehen noch weiter. Sie rauben dem
Gegenstande seinen „gegenständlichen" Charakter, zerlegen ihn in neue Bestand-
teile, in neue malerische Gegenstände. Sie stellen keine Gegenstände dar, sondern
konstruieren mit den Gegenständen; an die Stelle der Dingmalerei tritt die ding-
liche Malerei. Die Kubisten und ihre Nachfolger führen die Kunst zu einer sach-
lichen Auffassung der ganzen Welt.
Wir sehen also, daß das Stilleben sich in seiner folgerechten Entwickelung
auf alle Gebiete der Malerei bezieht: auf das Interieur, das Genre, das historische
Gemälde, die Landschaft. Jetzt ist der Höhepunkt dieser Entwickelung erreicht:
das Stilleben umfaßt nun alle Gebiete der Malerei und ist eine Bezeichnung nicht
nur für Malerei, sondern auch für jede darstellende Kunst geworden. Früher
verstand man unter dem Stilleben bald das Interieur, bald die Landschaft. Jetzt
hat eine Zeit begonnen, wo man alles in der Malerei — Genre, Interieur und
Landschaft — als Stilleben erklärt. Das Stilleben ist zu einer besonderen Welt-
anschauung geworden.
Die Geschichte der Terminologie hat uns aber völlig überzeugt, daß der
Begriff „Stilleben" nur einem engen geschichtlichen Gebiete in der Entwickelung
der europäischen Malerei entspricht, sich nur auf einen Ausdruck ihrer stilisti-
schen Entwickelung bezieht und daß das Wesen und die geschichtliche Gesamt-
heit dieses Kunstgebietes von ihm nicht umfaßt werden können. Die äußere
Grenze des Stillebens bestimmt nicht die Darstellung der leblosen Dinge, son-
dern der Dinge, die, trotz ihres organischen Baues, unselbständig existieren.
Deshalb müßten wir eigentlich an die Stelle des Begriffs „Stilleben" einen anderen
Ausdruck: „die gegenständliche Malerei" setzen. Er würde alle Verschiedenartig-
keiten und Abstufungen eines ganzen malerischen Gebiets — von den Läden eines
Snyders bis zu den Kontrereliefs Tatlins — umfassen. Alle Gegenstände und
Wesen, die man aus ihrer natürlichen Umgebung entfernte, aus ihrer eigent-
lichen Sphäre nahm, ihres Elementes beraubte und in eine neue Zweckmäßigkeit
brachte, sind der Inhalt des Stillebens.
Das Stilleben im engsten Sinne des Wortes, als ein spezielles Gebiet der
Malerei, als Bild, ist eine sehr späte Erscheinung. Wenn wir einige einzelne
Fälle in der Malerei des fernen Ostens außer Betracht lassen, so finden wir das
reine Stilleben erst in der letzten Periode der europäischen Kunst. Von der gegen-
ständlichen Kunst kann man aber auch im weiteren Sinne des Wortes sprechen.
Das Leben der Gegenstände beschäftigt die Phantasie des Menschen nicht weni-
ger als das organische Leben. Wenn wir die Entwickelung der Kunst betrach-
ten, so sehen wir, wie die Aufmerksamkeit der Künstler von Verschiedenem gefes-
selt wird: bald ist es das Gären der rohen Materie (in der Gotik), bald die
Oberfläche des Gegenstandes, seine veränderliche Hülle (im Barock), bald die
Zusammensetzung, Zweckmäßigkeit, Funktionalität des Gegenstandes (in unserer
Zeit — die Maschine, die Architektur). Man kann auch eine gewisse allgemeine
Gesetzmäßigkeit der Entwickelung dieser Gegenstandsempfindung feststellen. Den
Perioden der Nachahmung der wirklichen Dinge, der „Darstellung" des Gegen-
standes, folgen Perioden, da der Mensch selbst Gegenstände schafft, „neue Sachen
macht". Natürlich interessiert uns hier nicht jeder Gegenstand, sondern „der


