Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 25.1931

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Die Geschichtlichkeit der Kunst.

Ein Vortrag
von

Helmut Kuhn.

I.

Alle Versuche, wissenschaftlich zu bestimmen, was Kunst eigentlich
sei, weisen einen gemeinsamen Zug auf, der für den philosophischen Cha-
rakter der Wissenschaft vom Wesen der Kunst, der Ästhetik, kennzeich-
nend ist. Wir mögen diesen Wesenszug folgendermaßen aussprechen: Es
ist nicht möglich zu sagen, was Kunst sei, ohne in dieser Bestimmung
mitzusagen, was Kunst für uns sei — für uns, den Menschen als den
Schöpfer, Nutznießer und Pfleger der Kunst. Anders ausgedrückt: es
ist nicht möglich zu sagen, was Kunst sei, ohne in dieser Aussage mit-
auszudrücken, wodurch und worin die Kunst ihr Dasein hat: das mensch-
liche Leben, das diese Schöpfung aus sich hervorgebracht hat und in sich
hegt. Als im menschlichen Sinn Lebende sind wir der Gabe der Kunst
teilhaftig, genießend oder, wenige unter uns, selbst schaffend. So eng ist
diese Beziehung, daß es schlechthin unmöglich ist, sich über das Wesen
dieser Gabe zu verständigen, ohne das Wesen des mit ihr begabten
menschlichen Daseins in die Erörterung miteinzubeziehen.

Es ist nicht möglich, das Kunstwerk abgelöst zu denken von dem
menschlichen Dasein als selbstgenugsam, für sich seiend. Dies „Für-den-
Menschen" beschränkt sich nicht auf die formale Beziehung zu dem ab-
strakten Subjekt, das mit seinem „Ich denke", „Ich stelle vor" als Korre-
lat zu jedem irgendwie bestimmten Etwas muß treten können. Das Kunst-
werk, welches Kunstwerk nur für den Menschen ist, verlangt den Men-
schen ganz, in der ungeschmälerten Totalität seiner sinnlich-geistigen
Natur und seiner historischen Wirklichkeit. Darum geht auch die Tat-
sache, daß es etwas wie Kunst gibt, und die Tatsache der Beschaffenheit
der Kunst das Mensch-sein des Menschen an. Der Mensch ist nicht bloß
die conditio sine qua non der Kunst — er hat in ihr ein Dokument seines
Wesens.

Allerdings tritt diese so sehr menschliche Angelegenheit, die Kunst,
als ein dem Menschen Äußerliches, als Phänomenalität auf. Das Erschei-

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