Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 26.1932

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Bemerkungen.

Der Dichter im Sprachkunstwerk.

Von

Boris Jerofejew*).

Eine rein phänomenologische, von jeder naturalistischen Genetik völlig befreite
Untersuchung jegliches Kulturgegenstands, im einzelnen auch des Kunstwerks, ist
eine der wichtigsten Forderungen der modernen Philosophie. Die Fruchtbarkeit
dieses methodologischen Prinzips bewährt sich glänzend bei der Erforschung der
sprachkünstlerischen Strukturen. Wenn wir das Wortkunstwerk von diesem Stand-
punkte aus betrachten, rinden wir nicht nur eine ganze Reihe neuer Aufgaben, die
dem Blick eines genetisch eingestellten Forschers entschlüpfen, sondern auch neue
Lösungsmittel für die schon früher aufgeworfenen Probleme. Im Lichte der reinen
Strukturanalyse erhalten diese Probleme neuen Sinn und neue Möglichkeiten der
Ausdeutung. So steht es auch mit der Frage nach dem schöpferischen Subjekt des
Dichtwerks.

Das Verhältnis zwischen dem Wortkunstwerk und der Persönlichkeit seines
Schöpfers wurde schon längst zum Gegenstand der theoretischen und literar-
historischen Forschung gemacht. Das Problem aber wurde fast immer auf eine
rein genetische Art behandelt. Von dem naiven positivistischen Biographismus
brauche ich nicht zu reden: dieser ignoriert völlig die spezifischen Eigenschaften
seines Gegenstands; einzelne Elemente des Werkes, von ihrer organischen Einheit
losgerissen, werden hier mechanisch mit irgendwelchen biographischen Tatsachen
verbunden oder durch irgendeine Beschaffenheit der sozialen Bedingtheit der psy-
chischen Anlage des Dichters erklärt. Aber auch in den Arbeiten, die ernstlich von
der spezifischen Einheit des Kunstwerks ausgehen, herrscht bis jetzt bei der Er-
hellung des Subjektsproblems vor allem das genetische Interesse vor. Man sucht
z. B. die durch ein gewisses Lebensgefühl bedingte Weltanschauung des Dichters
zu bestimmen und bringt seine künstlerische Gestaltung mit dieser in Zusammen-
hang (so bei Wilhelm Dilthey, Oskar Walzel, in den älteren — russischen ■— Arbei-
ten Schirmunskis usw.); man unternimmt es, ein literarisches Motiv wie dessen
sprachlichen Ausdruck auf das individuelle psychische Erlebnis des Dichters zurück-
zuführen, die seelische Anlage des Subjekts im Spiegel seiner Sprache, im System
seiner Sprachneuerungen zu erschließen (Leo Spitzer, Hans Sperber u. a.); man
spricht von der ursprünglichen Einheit von Schaffen und Erleben, die in einer ein-
heitlichen individuellen Gestalt des Dichters vereinigt sind (Fr. Gundolf); man
versucht den geistigen Sinn eines individuell-schöpferischen Daseins zu erfassen
und ein persönliches Urphänomen des Dichters, das sich in keiner einzelnen

*) Boris Jerofejew (geb. am 10. April 1905) ist am 27. April 1932 in Lenin-
grad an Lungenschwindsucht gestorben.
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