Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 27.1933

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BEMERKUNGEN.

lungsfähigen Formen führt. Diese Wandlung ist von Riegl18) und anderen For-
schern19) an der Bildung des Akanthus aufgezeigt worden: Das Akanthusblatt
beginnt seine Lebensfülle zu verlieren, seine Außenteile lösen sich aus ihrem Zu-
sammenhang, setzen sich als autonom gewordene Teile unmittelbar am Ranken-
stengel fest, und bilden mit diesem zusammen eigene neue Konfigurationen. Es ist
ein Vorgang, den wir mit gutem Rechte als Emanzipation bezeichnen können:
Die gealterte Form hat sich aus ihrem organischen Verbände gelöst und wuchert
nun als verselbständigtes Wesen weiter, in ihrem Verfall jedoch ganz neuen Kon-
figurationen zugänglich.

Die Frage, die ich am Ende meiner Betrachtungen aufwerfen will, geht dahin,
ob dieser Vorgang der Verselbständigung der Form nicht einen typischen
Wert besitzt und überhaupt als ein Grundprinzip der Ornament-Entwicklung er-
kannt werden darf. Die neuere Ornamentgeschichte wenigstens scheint dieser Frage
recht zu geben. Verdankt sie doch schon ihren Ursprung einem Emanzipations-
vorgang, den Pinder als „Loslösung der Form von ihrem Inhalte" bezeichnet und
in welchem er ein wesentliches Charakteristikum des Manierismus erblickt. Speziell
auf die Ornamentik der Nachklassik angewandt, will dieser Begriff der Formen-
emanzipation besagen, daß die Form nicht mehr in ihrer ganzen Notwendigkeit
begriffen wird, wie sie sie noch im Willen der Genies (Michelangelo!) besaß, daß
sie nicht mehr als gehaltreich, mit dem Geiste identisch empfunden wird, sondern
daß sie sich sozusagen als optisch betonte Erscheinung frei gemacht hat, als
solche genossen wird. Typisch für diese Veräußerung, d. h. Veräußerlichung
der Formengedanken ist z. B. der Stil aller von der sixtinischen Decke
abhängigen Dekorationen einschließlich Fontainebleaus, wo die im Werke Michel-
angelos weit zurücktretenden, rein dekorativen Gedanken der Sphäre des Freskos
entzogen werden und eine ganz andere Bedeutung im Totaleindruck erlangen; auch
ist an die zahllosen Metamorphosen zu erinnern, die Detailmotive Michelangelesker
Architektur (die Voluten unter den Säulenpaaren der Laurenziana-Vorhalle, das
Sarkophagmotiv der Medicäergräber usw.) im Laufe des 16. Jahrhunderts er-
fuhren. — In dem Augenblick, wo die Formen sozusagen „vogelfrei" geworden
sind, ist der Anstoß zu ihrer Weiterentwicklung gegeben; die Rokoko-Ornamentik
kann als die letzte Phase des mit der Renaissance beginnenden Emanzipations-
prozesses bezeichnet werden. — Wie weit aber diese Hypothese auch für frühere,
vor allem mittelalterliche Ornamentik Geltung beanspruchen kann, das müßte einer
Einzeluntersuchung überlassen werden, ebenso wie die genauere Behandlung aller
der Fragen, die hier nur angedeutet werden sollten.

Vergleichsmethoden.

Von August Schmarsow.

Fausto Torrefranca hat in seiner inhaltreichen Abhandlung „I Valori
della Musica" — Rivalutazioni e Orientamenti (La Rassegna Musicale 1929) den
Veisuch gemacht, die Musik an der Hand der Sonate mit der Architektur zu ver-
gleichen, und zwar zunächst mit kleineren Formgebilden, wie Fenster und Giebel,
schließlich aber mit einer gotischen Kirchenfassade, die ihm mein Tafelwerk zur

1S) Guyer in Münchener Jahrb. N. F. VIII 1931, S. 116.
«) Stilfragen Kap. IV, 1, bes. S. 281.
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