Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 28.1934

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HERBERT CYSARZ

liehen Philosophie der menschlichen Dinge. Jedwedes Verhältnis des
Menschen zu den Urkräften, den Urtatsachen des Seins wird durch die
Kunst in leibhaftes Leben und Wirken gezogen, auf leibhaftes Leben
und Wirken bezogen. Entscheidende Inhalte aller Philosophie der Ge-
sellschaft und der Geschichte sind überhaupt nur durch sie gegeben,
durch sie der Untersuchung, ja Mitteilung zugänglich. Sie ist das
menschliche Realisationsphänomen ohne gleichen. (Daher auch der
größte Philosoph des Menschen, den das jüngste Jahrhundert geboren
hat, Friedrich Nietzsche, zunächst als Schrifttumsforscher an sein Werk
gegangen ist.)

Die Wissenschaft der Kunst hat also niemals Dichtung in vernünf-
tige Bezüge und Begriffe auflösen zu wollen, sondern im Gegenteil ge-
rade jene unersetzlichen und anders unsäglichen Werte zu hegen, die
allein durch die Kunst als Kunst verwirklicht (nicht nur versichtbart)
werden. Der bloße Schriftgelehrte macht die Kunst der Wissenschaft
zinsbar, trotz allem guten Willen zu Sachlichkeit und Treue. Der echte
Kunstforscher hingegen dient der Kunst, er hegt und fördert die Idee,
nein die Realität des Menschen noch da, wo ihm die Forschung Aben-
teuer und Versuchung, Teufelsbeschwörung und hohes Lied auf das
Leben, das geist- und ewigkeitsträchtige Leben, zu werden scheint. Und
notwendig baut seine Forschung in ihrem ureigenen Stoff auch die
größten und dichtesten Ordnungen auf, lauterer und verpflichtender als
sie sich jemals fertig übernehmen lassen. Die wahre Kunstforschung
zeigt an der Kunst, wo das Leben über sich selbst hinaus Formung und
Zielsetzung heischt, wo Bild und Begriff in ein tieferes Widerspiel wei-
sen — und wo der Trieb intelligenter bleibt als jeder Grundsatz (alle
andere Intelligenz ohne diese, die triebhafte, schützt vor maßloser
Dummheit nicht).

Die erste Aufgabe der Dichtung aber, die mit alledem gesetzt wird,
ist die: sich allezeit sämtlichen Wesensbereichen des Menschen offen
halten: der wachstümlichen und willentlichen, Geschichte machenden
Schicksalsgemeinschaft des Volks; den ewigen Werten der Wahrheit und
Sittlichkeit, die den Einzelnen an die Weltordnung knüpfen; und jenem
lebendig-umfassenden Menschen, auf dem die Formbarkeit und Hand-
lungsfähigkeit jeder Gesinnung, sohin auch alle wirkliche Führerschaft
ruht. Die Kunst bewahrt die unendliche Fülle, die ohne Ende Einsatz
und Entscheidung heischt, und die göttliche Einheit des Kosmos, die
immer am Ziel ist.
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