Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 29.1935

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WERKSTOFF UND ÄSTHETISCHER GEGENSTAND

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lers. Hier wie dort ist es ewige Aufgabe menschlicher „Alchimie", „das
nit auf sein End kommen zum End bringen". Und wie es den großen Arzt
macht, die Möglichkeiten des Stoffes zum sinnvollen Heilungsprozeß auf-
zuwecken, so ist es Aufgabe des Künstlers, das Stoffmysterium vorahnend
zu erleben und zum Urmotiv seiner Gestaltung zu machen. Alchimisten,
sagt Paracelsus, sind auch Künstler und Bildschnitzer, „die vom Holz
tun, das nit dazu gehört, so wird ein Bild daraus"2). Wieder begegnet uns
die alte plotinische Weisheit von der im Block eingeschlossenen Figur und
die Mystik des „Wegnehmens", die Meister Eckhart nicht minder als
Alberti und Michelangelo kannten3). Und doch ist der Gedanke im lebens-
zugewandten Geiste des Hohenheimers zu etwas ganz Neuem geworden.
Denn nicht mehr handelt es sich um seine Befreiung vom Stoffe, damit die
stofflose Idee der Schönheit hervorleuchte (sag Be^e xaXdv fatl zq> äydXfjcau
nQöaamov. Enn. I. VI. 9), sondern um die Enthüllung der in ihrer infirmitas
verborgen liegenden prima materia. Hier zum ersten Male wird gesehen,
daß im Material die Schicksalsidee des Werkes liegt, und daß es darum
geht, den Stoff „in seine letzte materiam und Wesen", seine Eigenstruktur
zur Ausprägung zu bringen. Es ist etwas anderes, ob ein und derselbe
Künstler Gestalten aus tauschierter Bronze, aus Porzellan oder aus
Böttger-Steinzeug schaffen will. Jedesmal bedarf es eines mühsamen Ein-
dringens in die „Essentien", und jedesmal wachsen neue Gestalten als
Symbole einzigartiger Stofferfüllung empor. Das ist nicht „Bändigung"
einer „toten" Materie, nicht Stoff-Überwindung und Befreiung vom Stoff
durch die Form, sondern aneignender, hingebender und beseelender Um-
gang mit einem dämonisch-lebendigen Anderen, zu dem sich das Zwie-
gespräch mit dem Werkzeug gesellt. Denn auch die Gestalt des Werkzeu-
ges ist kein Produkt toter handwerklicher Willkür, sondern Symbol dieses
zeugenden Umganges mit dem Werkstoff. Dieser Primat des Stofflichen
besteht nicht allein auf dem Gebiet des Kunsthandwerks. Während hier
das Wort von der „Materialgerechtheit" nachgerade kein Geheimnis mehr
ist, drückt man sich vielfach in Sachen der freien Kunst an dem Sachver-
halt vorbei, oder meint gar, das Werk dürfe von dem Umgang des Künst-
lers mit seinem Stoff nichts verraten. Als wäre es etwas Unsauberes, das
Gestaltungserlebnis in die Gestalt hinein zu zeugen, als gehöre nicht jedes
orgiastische Wort der Zwiesprache mit dem Stoffe zum Gesamtsinne der
Erzeugung. Während das Scheinkunstwerk, der Kitsch, sich in seiner
Bildhaftigkeit absolut gebärdet, den Akt der Poiesis verleugnet, was ihm

2) Labyrinthus medicorum. Insel-Verl. o. J., S. 31.

*) Vgl. K. Baeumler, Ästhetik (Handbuch d. Philos.), 1933, S. 20. Ferner
K. Borinski, Die Antike in Poetik und Kunsttheorie, 1914, I, S. 1691, und Ode-
brecht, Grundlegung einer ästh. Werttheorie, Bln. 1927, S. 213.
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