Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 29.1935

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Die Theorie des L'art pour l'art und Theophile Gautier.

Von
Felix M. Gafe.

Das l'art pour l'art ist eine ästhetische Theorie, die dem Laien meist
mehr durch ihre Gegner als durch ihre Verkünder bekannt geworden ist.
Zwei sehr verschiedene Bewegungen sind es, die gegen das l'art pour
l'art gleich heftig polemisiert haben: eine ästhetisch-literarische und
eine politische Bewegung. Zu jener gehören der Naturalismus der sieb-
ziger, achtziger und neunziger Jahre in Frankreich und Deutschland so-
wie der Expressionismus in den Europäischen Kulturländern kurz vor
dem Weltkrieg; zu dieser der bolschewistische Sozialismus in Rußland
und der nationale Sozialismus in Deutschland.

Angesichts der so vielfachen und aus so ganz verschiedenen welt-
anschaulichen Quellen stammenden Polemik ist es an der Zeit, sich in
großen Zügen zu vergegenwärtigen, was die Gegner an dem l'art pour
l'art-Prinzip bekämpfen und was denn das l'art pour l'art in Wahrheit
ist. Denn es ist nicht ausgeschlossen, daß die Gegner das bekämpfte
Prinzip nicht ganz verstanden haben.

Fragen wir zunächst, was es denen bedeutete, die es schufen, ent-
wickelten und verkündeten.

Der wörtliche Sinn der Formel l'art pour l'art = Kunst um der
Kunst willen ließe vermuten, daß es sich um eine Lehre von Zweck
und Wert der Kunst handelt. Dies ist aber nicht der Fall. Die Lehre
vom Zweck und Wert der Kunst ist nur ein Teil des l'art pour l'art.
Der andere Teil ist eine Theorie von der Struktur der Kunst, d. i. von
dem Verhältnis der Kunst zur Wirklichkeit dieser Inhalte, kurz eine
Theorie von den Inhalten der Kunst.

Indem so die „l'art pour l'art" bezeichnete oder zu bezeichnende
Theorie sich sowohl mit der Struktur der Kunst als auch mit dem
Zweck und Wert der Kunst befaßt, ist sie eine vollständige Kunst-
Ästhetik, denn die Fragen nach der Struktur und nach Zweck und Wert
der Kunst sind in der Tat die beiden Hauptprobleme der Kunst-Ästhetik
oder Philosophie der Kunst.

Es gibt aber nicht nur „Kunst überhaupt" oder „Kunst als solche",
sondern auch Künste, d. h. Kunst-Gattungen. Manche glauben, es gäbe
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