Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 29.1935

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BEMERKUNGEN

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Bewegung-, wodurch eines der wichtigsten Probleme der modernen Naturphilo-
sophie, nämlich das Verhältnis des Vitalismus zum Mechanismus, aufgerollt wird.

Um nicht allzuviel des hier Fremden auf einmal anzubieten, habe ich meinen
Bericht auf die „Wahrnehmungslehre" von Palägyi beschränkt. Wer weiter ein-
dringen will, wird sich von selbst an die gleichzeitig erschienene zweite Auflage
seiner „Naturphilosophischen Vorlesungen" (Leipzig J. A. Barth 1924) wenden
und reichste Belehrung finden „über die Grundprobleme des Bewußtseins und des
Lebens". Dort berichtet er in der Vorrede: im tiefsten Innern habe ihn immer
nur Eines, die erfinderische und schöpferische Kraft im Menschen, diese aber in
fast allen ihren Gestaltungen, gleich sehr interessiert. „Obwohl ich der Mathematik
und den Naturwissenschaften durch alle inneren Wandlungen hindurch treu blieb,
fühlte ich mich doch — wahrscheinlich durch die Kraft der Polarität getrieben —
schon frühzeitig zu dem Geheimnis des Dichterischen und Künstlerischen hinge-
zogen, und war nicht wenig davon befremdet, daß die Ästhetiker von allem
zu sprechen wußten, nur von dem nicht, was mich allein interessierte: von dem
Originellen und Künstlerischen, das den Künstler zum echten Künstler stempelt."

Der Torso als Thema der bildenden Kunst.

Von

Herbert von Einem.

Der Torso als Thema der bildenden Kunst kommt erst in der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts vor. — Man sollte denken, daß die Möglichkeit gegeben war, als
seit dem 15. Jahrhundert die Antike in den Gesichtskreis der Künstler trat. In der
Tat aber finden wir den Eindruck antiker Torsen nur in der Malerei (etwa in Man-
tegnas Sebastiansdarstellungen, in heroischen Landschaften usw.), wo sie aus rein
gegenständlichem Interesse als Versatzstücke verwertet wurden. Die Plastik ist durch
die antiken Bruchstücke nicht angeregt worden, im Torso ein vollwertiges künstleri-
sches Thema zu sehen, sondern umgekehrt dazu, die überkommenen antiken Torsen zu
ergänzen. Die Geschichte der Antikenergänzungen beginnt in dem Augenblick, als die
Antike überhaupt für die Formbildung fruchtbar wird, als der eigene Formwille in
der Antike Anregung und Bestätigung findet. So wissen wir etwa, daß Michelangelo
am Laokoon Ergänzungsversuche gemacht hat (die er freilich nicht ausführen ließ).
Zahlreich sind die erhaltenen Ergänzungen aus manieristischer und barocker Zeit.
In Winckelmanns schöner Beschreibung des von ihm für einen Herakles gehaltenen
Torso von Belvedere heißt es: „Mich deucht, es bilde mir der Rücken, welcher durch
hohe Betrachtungen gekrümmt scheinet, ein Haupt, das mit einer frohen Erinnerung
seiner erstaunenden Taten beschäftiget ist; und indem sich so ein Haupt voll von
Majestät und Weisheit vor meinen Augen erhebet, so fangen sich an in meinen Gedan-
ken die übrigen mangelhaften Glieder zu bilden: es sammlet sich ein Ausfluß aus dem
Gegenwärtigen und wirket gleichsam eine plötzliche Ergänzung." Auch hier wird das
Bruchstückhafte als „halbe Vernichtung", als „grausame Mißhandlung" nur negativ
gewertet. Selbst noch Friedrich Schlegel hält es für einen der ersten Prüfsteine
und Beweise der Meisterschaft in der Plastik, „die Antike ergänzen zu können".
Die letzte große Ergänzung ist Thorvaldsens Arbeit an den Skulpturen von Ägina.

Es fragt sich nun aber, ob es nicht unabhängig von der Antike in der Plastik
der früheren Zeit doch schon, wenn auch vereinzelt, selbständige Torsen gegeben hat.
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