Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 30.1936

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Das Kunstwerk als Quelle kunsttheoretischer

Einsichten

Von
Rene König

I.

Es wird heute kaum mehr auf Befremden stoßen, wenn wir dem
Kunstwerk eine sinnerschließende Kraft zusprechen. Das heißt, das
Kunstwerk ist nicht nur selbstgenügsame Gestaltung, sondern es ent-
deckt auf eigene Weise den Sinn der Welt. Eine solche Behauptung
setzt einzig voraus, daß die Kunst in ihrer eigenen Entwicklung und
im Bewußtsein der Menschen herausgetreten ist aus jenem Stande, in
dem das Kunstwerk — gleichsam flächig in sich beschlossen — keiner-
lei über sich selbst hinausweisende Bezüge sinnhafter Art hat, die aus
dem Kunstwerk als Kunstwerk hervorwachsen.

Gewiß hat das Kunstwerk zu jeder Zeit über sich hinausgewiesen;
es läßt sich das mit überraschender Einfachheit sogar für die aus dem
Prinzip des L'art pour l'art geschaffenen Werke zeigen. Die Frage ist
aber, ob diese Verweisung vom Kunstcharakter des Werkes bestimmt
wird oder ob sie nicht durch andere Seinsbezüge des Kunstwerkes ver-
mittelt wird. So ist das Kunstwerk der Naturvölker, oder besser: was
wir bei den Naturvölkern so nennen, eingebettet in zahlreiche Sinn-
bezüge, die über das Kunstwerk weit hinausgreifen und zu Zeiten
sogar, wie in einer Totemfigur, das Leben des ganzen Stammes in
eigentümlich symbolischer Form mitumfassen. Ihre jeweils konkrete Er-
füllung erhalten diese Sinnbezüge aus den verschiedenen Konstella-
tionen und Situationen, in denen wir das Kunstwerk vorfinden. Dabei
ist die sinnerschließende Kraft eines solchen scheinbar ganz in sich
beschlossenen Werkes so groß, daß sich geradezu eine ganze Wissen-
schaft auf ihr aufbauen konnte, die Vorgeschichte, die einzig aus den
stummen Zeugnissen der Kunstwerke und Werkzeuge das Gesamtleben
längst versunkener Zeiten wiederherzustellen sucht. Bessere Beispiele
gibt uns allerdings die Betrachtung der heute lebenden Naturvölker,
bei denen wir die Einordnung des Kunstwerkes in übergreifende Zu-
sammenhänge und ihren hermeneutischen Wert an Ort und Stelle uns
anschaulich machen und durch Gegenproben nachprüfen können, wäh-

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. XXX. \
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