Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 31.1937

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Bauwerk als Bildwerk

Versuch einer Parallelsetzung von Baukunst und Bildnerei

Von
Paul Klopfer

1. Wir unterscheiden tektonische und stereotome

Bauwerke

Denken wir uns eine Mauer als homogene Masse und schneiden tor-
artige Öffnungen aus ihr heraus, aber so, daß die Mauer sich selbst noch
trägt, so dürfen wir die dazwischen übrig bleibenden Mauermassen als
„Pfeiler" bezeichnen, und zwar dann, wenn sie weniger breit sind als
die Öffnungen. Übertragen wir den Begriff Pfeiler und Öffnung aus
dem Flächigen (als welches wir die vorwiegend zweidimensionale Mauer
ansehen wollen) in das ausgesprochen Räumliche, so werden wir logi-
scherweise finden: Der „Pfeiler im Raum" kann im gleichen Sinne wie
der „Pfeiler der Fläche" als Kern einer Masse gedacht werden, die um
ihn als den verbleibenden Rest entsprechend ausgehöhlt ist. Ich bin an
anderer Stelle auf das Wesen dieses stereotomen Vorganges des näheren
eingegangen1). Das wesentliche dabei ist, daß der „Erscheinungszusam-
menhang"-) zwischen Pfeiler und umgebendem Hohlraum immer deut-
lich bleibt, der Pfeiler also ohne Hohlraum, aber auch ohne Bogen bzw.
Gewölbe nicht zu denken ist.

Demgegenüber ist eine „Säule" ausschließlich Individuum, ein zu-
sammenhangloses Bauglied, sie mag nun neben anderen Säulen stehen
oder mit ihnen gemeinsam das Gebälk tragen: wir werden immer den Er-
scheinungszusammenhang mit dem Hohlen vermissen, den wir beim Pfei-
ler feststellen konnten. Selbst der Bogen, der wie in der lateinischen oder
in der Renaissancebaukunst sich von Säule zu Säule spannt, wird als
„architravierter Bogen" — also in Erinnerung an den Architrav des waag-
rechten Gebälks — für sich auftreten und nicht als Teil der Mauermasse,
die über ihm liegt. Und so verhält es sich mit jedem Glied der tektonischen
Art im Gegensatz zur stereotomen.

*) Zeitschrift für Ästhetik, Band XX, S.311H.
-) Hildebrand, Problem der Form, S. 68.

Zettschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft XXXI.

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