Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 33.1939

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Der „Blick" in der mittelalterlichen Kunst

Von

Mela Escherich

Der Mensch ist das Maß aller Dinge.

Als Dürer sich zu diesem Satz bekannte, war er nicht mehr der Goti-
ker des 15. Jahrhunderts, das ihn geboren hatte, sondern er stand in der
Renaissance.

Das Maß aller Dinge war der Mensch natürlich von jeher; denn es
ist nicht möglich, daß ein Mensch die Dinge um sich her anders als vom
menschlichen Standpunkt aus messen kann. Aber jede Zeit mißt mit
andern Augen.

Der grundsätzliche Unterschied von Gotik und Renaissance läßt sich
kurz etwa dahin festlegen, daß „das Maß aller Dinge" für die Renais-
sance ein figuraler, für die Gotik ein geometrischer Begriff war.

Für die individualistische Renaissance war der künstlerische Aus-
gangspunkt die Aktfigur, deren Proportion das Grundmaß für alles ab-
gab. Die Gotik dagegen hat den Menschen nie in diesem Maß leiblich
empfunden, weil sie in ihrer mystischen Einstellung dem Körper weniger
Wichtigkeit zumaß.

So ist in der Bilddarstellung des gesamten nordischen Mittelalters
die menschliche Gestalt einfach ein Teil der Komposition und steht zu ihr
in einem Verhältnis wie der Zweig zum Baum.

Wie kam nun dennoch der Mensch (oder das in menschlicher Gestalt
dargestellte göttliche Wesen) zur herrschenden Rolle?

Diese Rolle ist eine geistige.

Und wie läßt sich das Geistige darstellen? Einzig durch das Auge.
Für das Wort fand sich das Spruchband; für den Gedanken der Blick.

Der B 1 i c k ist es, der das mittelalterliche Bild beherrscht. Und da der
Blick immer in einer geraden Linie läuft, so ergab sich ganz von selbst
ein geometrisches Gefüge, das zur Grundlage für die gesamte Konstruk-
tion der Darstellung werden mußte.

Der Blick ist also maßgebend für das Bild.

Der Künstler fängt schon im ersten Entwurf das Geistige auf, bevor
er sich mit der Darstellung der sinnlichen Eindrücke befaßt. Dieses, im
allgemeinen Sinne für jede Kunst Gültige, wird hier prinzipiell das kon-
struktiv Gegebne.
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