Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 33.1939

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BEMERKUNGEN

so recht erfühlt und gerade von dem Leidtragenden verwirklicht. Und doch ist im
Leben und in der menschlichen Natur selber dafür gesorgt, daß nach dem Verlust
eines geliebten Menschen das Gleichmaß sich wieder herstellt. Wenn so mit der
Zeit sein Ausscheiden aus etwas schmerzlich Unvermeidlichem zu einem innerlich
akzeptierten und bejahten, zu einem Naturvorgang wird, in dem auch Vernunft liegt,
so bedeutet die griechische „Fassung" gewissermassen ein Vorwegnehmen dieses
Gesundungsprozesses und tut uns in ihrer sich bescheidenden Schlichtheit vielleicht
gerade deshalb wohl.

Auf einzelnen Grabstelen wird aber auch die heroisch-dramatische Seite des
Sterbens erfaßt und der Tod in den Anschauungsraum des Tragischen erhoben.
Dafür bleibt das erschütterndste Denkmal der zusammenbrechende, helmgeschmückte
Waffenläufer aus dem Museum zu Athen, der in dem Ehrenmal für die in der
Türkei während des Weltkrieges gefallenen Deutschen, hoch über dem blauen
Bosporus im Park von Therapia, aus Kolbes Hand der heutigen Welt wieder-
erstanden ist. In der Berliner Sammlung haben wir das Relief eines zu Boden
gesunkenen Kriegers, über den in prachtvoller Wildheit ein Pferd hinweg galoppiert.

Ein sehr frühes Werk unserer Sammlungen aber gibt uns schließlich noch
ein Beispiel für die erlöste und gesteigerte Erinnerung, in der die Verstorbenen
weiterleben. Auf einer Grabstele des Peloponnes sehen wir ein Ehepaar auf einem
Thron sitzen, an dessen Lehne sich hinten die Schlange der Unterwelt empor-
ringelt. Der Mann hält einen gehenkelten Mischkrug und blickt auf den Beschauer,
die Frau, nur im Profil gesehen, scheint in der rechten Hand einen Granatapfel,
in der linken eine Blume zu halten. Vor dem thronenden Paar aber stehen winzig
kleine Adoranten mit ihren Opfergaben. Daß den Verstorbenen Verehrung gebührt,
dieser verbreitete menschliche Zug, der z. B. das Kernstück der großen chinesischen
Familienreligion ausmacht, ist offenbar auch das bestimmende Motiv dieses lako-
nischen Reliefs. — Daß die Toten noch reiner und stärker auf uns wirken als die
Lebenden, daß sie in eigentümlicher Weise allgegenwärtig sind, macht sie zu Heroen
und Vorbildern. — Daß auf unserem Relief einem Ehepaar diese Huldigung zuteil
wird, erinnert an ähnliche ägyptische Darstellungen, die uns heute das Gefühl geben,
als sei Ägypten ein Land der guten Ehen gewesen.

Vom Gespenst über den Menschen zum Symbol

Von

Gerh. v. Mutius

In dem hinteren Saal, in dem der Besitz der Berliner Museen an archaischer
griechischer Kunst aufgestellt ist, befindet sich als Hauptstück die stehende Frauen-
figur mit dem Granatapfel in der Hand. Sie wird meist als Göttin bezeichnet. Ganz
unabhängig von aller Altertumskunde spricht jedenfalls der unmittelbare Eindruck
für diese Benennung. Denn Furcht, Grauen, Erschrecken, die sich an den Anblick
des Gottes knüpfen, scheinen vor allem bei der Geburt dieses Bildwerks Pate
gestanden zu haben. Nicht wie bei dem neben ihr liegenden ruhenden Löwen, der in
seiner grandiosen Vereinfachung und Geschlossenheit unser heutiges Auge als zeit-
lose Schönheit anspricht, geht von der Gestalt der Göttin ein unmittelbarer ästhe-
tischer Reiz aus, sondern als Ausdruck des Lebensgefühles einer versunkenen Zeit
zieht sie uns in ihren Bann. Man erblickt einen Hintergrund strenger dorischer
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