Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 34.1940

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Bemerkungen

Das Bild in der Dichtung

Von

WilhelmBöhm

Nach 12 Jahren läßt Hermann Pongs dem ersten Bande seines Werks einen
nicht minder problemreichen zweiten folgen*). Der erste handelt von der Metapher,
der zweite vom Symbol. Das Vorwort sagt: „In der Stillehre ist von der Metapher zum
Symbol nur ein Schritt. Auf das Ganze des Kunstwerks bezogen sind beide sogenannte
Stilformen der Dichtung durch eine sehr verschiedene Einstellung getrennt. Die
Metapher gipfelt im Oefühlsbild des Einzelnen, vom eng persönlichen Stimmungs-
ausdruck bis zur welthaltigen Offenbarungsmetapher der großen Lyrik. Das Symbol
gründet nicht in der Gefühlsspiegelung, sondern in der tiefgreifenden Erfahrung
des Daseins selbst. Es ist so wenig ohne einen Gemeinschaftsgrund möglich, wie
ohne eine unsichtbar mitgegebene, übergreifende Ordnung des Daseins." Hier offen-
baren sich schon die Schwierigkeiten in der Fragestellung des ganzen Werkes.
Werden im Dichtwerk der „Gemeinschaftsgrund und die mitgegebene übergreifende
Ordnung des Daseins" nicht vornehmlich als Gefühlsbild des Einzelnen lebendig?
Oder versteht er unter Gefühlsbild etwas dem Einzelnen nur von ungefähr An-
geflogenes? Sind nicht Epik und Drama, ebenso wie Lyrik, „Gefühlsbilder", die
vom eng Persönlichen bis zur welthaltigen Offenbarungsmetapher reichen? — Die
Verantwortung für das Kunstwerk trägt ausschließlich der einzelne Dichter, und
wenn man diese zurückverlagert auf die geistesgeschichtlichen Merkmale von Volk-
heit, Familie, Heimat, Erziehung, Beruf, so formt doch erst die darin erwachsene
Person das Symbol. Wenn man aber noch weiter zurückgeht auf Rasse, Volk, Sippe,
Klima, Landschaft, so ist das eine naturhistorische Fragestellung, die heute durchaus
notwendig ist; aber hierauf antwortet eine Wissenschaft für sich, mit eigenen Kate-
gorien. Die Naturbedingtheit des Genies wird von der allgemeinen Anthropologie
schon so eingehend untersucht, daß man dem Dichtwerkforscher nicht zuzumuten
braucht, seine eigenen Aufgaben mit fremden Gesichtspunkten zu belasten. Wenn
die Anthropologie andererseits von den Geisteswissenschaften Material braucht, so
wird ihr der bessere Dienst damit erwiesen, daß diese ihre spezifischen Werte streng
herausarbeiten. Wenn ein Forscher erkennt, daß seine Wissenschaft nicht mehr im
Mittelpunkt des Zeitinteresses steht, wird er bei kompromißloser Haltung alsbald
finden, daß das „Alte, Wahre" immer nur von neuem angefaßt werden will, um immer
wieder fruchtbar zu werden. Ein Maler, der erkennt, daß in der Kunst seiner Zeit
Musik oder Dichtung führen, wird auch nicht plötzlich Musiker oder Dichter, aber

*) Hermann Pongs: Das Bild in der Dichtung. Bd. II. N. E. Elwert'sche Verlags-
buchhandlung in Marburg 1939. V. 632 S. [Bd. I 1927. XX 513 S.]
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