Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft: Zweiter Kongreß für Ästhethik und allgemeine Kunstwissenschaft Berlin, 16.-18. Oktober 1924 — 19.1925

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DIE GRUNDKRÄFTE DES EXPRESSIONISMUS. AUSSPRACHE. Hg

erwachen, die absolut unvernünftig, unaussprechbar und unerhört sind.« Wie Herr
Arp das gestaltet, zeige wenigstens die erste Strophe seines »Gedichtes« >Das be-
zungte Brett«:

hochnehmst millionenmill um bitt

fallammelmahl fallobst toast

bum bum barind ruckturtelsack

und tabledhoten ihn vom ast.. .

Noch erstaunlicher scheint mir die sogenannte konsequente: Dichtung des Herrn
Kurt Schwitters. Ausgehend von der ganz sicher falschen Annahme, daß nicht das
Wort ursprünglich Material der Dichtung sei, sondern der Buchstabe, will er in
seiner Dichtung Buchstaben und Buchstabengruppen gegeneinander werten. Freilich,
wenn man ihn seine »Tonsonate« sprechen hört, dann bemerkt man, daß e'r tat-
sächlich gar nicht aus Buchstaben, sondern aus Urlauten eine halb musikalische
Folge von konsonantischen und vokalischen Tönen verschiedener Höhenlage und
Stärke bildet, die etwa mit Kandinskys gegenstandslosen »Bildern« zu vergleichen ist.
Es scheint mir, als ob der Herr Vortragende mit Recht von dem Untergang
des Expressionismus gesprochen hat, und als ob wir unsere Augen offen halten
müßten für neue Versuche auf dem Gebiete aller Künste, die nicht mehr mit dem
Begriff Expressionismus gedeckt werden können.

Wilhelm Waetzoldt:
Der Referent hat einen vollen Aphorismenkranz am frischen Grabe des Expres-
sionismus niedergelegt. Wir haben heute inneren Abstand genug von diesem jüng-
sten »Stile«, um seine Physiognomie mit einiger Gewähr der Richtigkeit schildern
zu können. Drei Wesenszüge fallen vor allem ins Auge, wenn man versucht, die
verwickelten Dinge auf ganz einfache Formeln zu bringen.

1. Der Expressionismus ist ein pathetischer und in seinem Pathos
ein durchaus sentimentalischer Stil. Die Erregtheit der künstlerischen Seele spiegelt
sich wider in der Unruhe der Formen, der Überschwang des Gefühls im Super-
lativismus der Kunstmittel; aus der Exstase der Künstler erklären sich die eksta-
tischen Gebärden und Farben. Die Pathoskurve führt vom stummen Pathos verinner-
lichter Gestalten bis zum aufgeblähten Pathos der Revolutionsrhetorik. Pathos ist
der Stil der Revolutionen.

2. Ein zweites Grundmerkmal des Expressionismus ist die Irrati onalitat. Wo
Gefühl alles ist, hat Vernunft nur wenig mehr zu sagen. Die Begriffe konstruktiver
Notwendigkeit, organischen Zusammenhangs, des natürlichen Weltbildes verlieren
ihren Sinn. Es zeigt sich eine merkwürdige Antinomie dieses Stiles, der in allem Ge-
fühlsmäßigen der Natur nahe, in allem Gegenständlich-Stofflichen naturfern ist. Der -
Drang zum Irrationalen führt schließlich zur Aufhebung des Gesetzes dinglicher
Einheit, zum Amorphismus und Abstraktismus der äußersten Richtungen.

3. Der Expressionismus kennzeichnet sich als eine romantische Bewegung durch
seinen Drang zur Elementarität. Wieder ist das Elementare, Primitive, das Zeit-
lichferne und Räumlichweite, weil es den unverstellten, reinen und starken Ausdruck
zu tragen scheint, das Ziel der künstlerischen Sehnsucht Was für die Romantik des
anhebenden 19. Jahrhunderts das Mittelalter war, ist heute Orient, Eiszeit, Bauern-,
Kinder- und Negerkunst. Dabei ist es ohne Belang, ob diese Welten von den ex-
pressionistischen Augen zutreffend gesehen werden, sie leisten schließlich, was die
moderne Seele ihnen abverlangt: sie sind Schatzkammern der Elementarität.

Wer heute von dem frischen Grabhügel des expressionistischen Stiles kommend,
das junge Wachsen und Blühen ringsum auf deutscher Erde beobachtet, wer die
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