Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft: Zweiter Kongreß für Ästhethik und allgemeine Kunstwissenschaft Berlin, 16.-18. Oktober 1924 — 19.1925

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D. KÜNSTL. GESTALTUNGSVORGANG IN PSYCHIATR. BELEUCHTUNG. 179

Hanns Sachs: '

Ich spreche vom Standpunkt des Psychoanalytikers. Ein Teil der
Arbeit wurde mir bereits durch Prinzhorn abgenommen, ein anderer
Teil erschwert. Die Psychoanalyse ist in Hinsicht auf ihre Kunst-
feindlichkeit bei weitem nicht so schwarz, wie sie gemalt wurde. Die
Problemstellung seines Vortrages steht einem der Zentralprobleme der
Psychoanalyse immerhin sehr nahe. Es ist die Frage der Paradoxie in
der künstlerischen Wirkung oder der Umkehrung ins Gegenteil, die
die Kunst zuwege bringt. Zum Beispiel: wenn wir geliebte oder sym-
pathische Personen leiden sehen sollen, suchen wir uns abzuwenden,
wenn uns der Tragödiendichter dasselbe zeigt, so laufen wir unwider-
stehlich angezogen hinzu. Das läßt sich nicht durch den Abstand von
Illusion und Wirklichkeit erklären, denn die Affekte, obgleich durch
Illusion erzeugt, sind echt und wirklich, wie unsere Tränen bezeugen.
Dieselbe Umkehrung finden wir bei den Humoristen; mit welch
innigem Vergnügen sehen wir bei W. Busch die Menschen gezwickt,
verbrannt, auf alle Weise gepeinigt. Und eben die Umkehrung wie
für das Traurige oder Peinliche bringt die künstlerische Behandlung
für das Häßliche und Unappetitliche (Realismus), ja sogar für das
Langweilige zustande. Nirgends ist das deutlicher ausgesprochen
worden als in dem Lied des Töpfers Hyphaist in Spittelers Olym-
pischer Frühling«.

Das Zustandekommen dieser Umkehrung, dieser seltsamen An-
ziehungskraft des sonst Abstoßenden läßt sich verstehen, wenn wir
uns an den Spruch Goethes halten:

»Ihr sucht die Menschen zu benennen
Und glaubt, am Namen sie zu kennen;
Wer tiefer sieht, gesteht sich frei:
Es ist was Anonymes dabei.

Dieses Anonyme«, über die Individual-Schranke Hinausragende
im Menschen ist sein Unbewußtes. Ich müßte Ihnen eine Anschauung
des Unbewußten vermitteln, denn mit Definitionen ist es bei einem
Produkt empirischer Forschung nicht getan. Da der Raum dazu fehlt,
so suche ich durch zwei Vergleiche Sie Wenigstens in die Nähe zu
führen. Auf philosophischem Gebiet ist die nächste Analogie der
Schopenhauersche Begriff des Willens, auf biologischem das unsterb-
liche Keimplasma, das die Generationreihe vergänglicher Individuen
enthält.

Ebenso enthält das Unbewußte den Niederschlag der Menschheits-
geschichte und kann Lust empfinden bei Dingen, die unserer be-
wußten Persönlichkeit längst unlustvoll geworden sind. Die große Tat
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