Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft: Zweiter Kongreß für Ästhethik und allgemeine Kunstwissenschaft Berlin, 16.-18. Oktober 1924 — 19.1925

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GRUNDLAGEN EINER LEBENDIGEN MUSIKKULTUR. 337

daß es tatsächlich für alle Gebiete eine allgemeine Aus-
drucks- und Aufnahmefähigkeit gibt.

Aussprache.

Oskar Wulff:

Die Kunstforscher sind den Pädagogen viel Dank schuldig für ihre Unter-
suchungen zur Kinderkunst. Vor allem auf Kerschensteiner ist hinzuweisen.

Zwei Hauptrichtungen sind in den Anschauungen über Kinderkunst vertreten:

1. Die vergleichende (Lamprecht), 2. die aufs Ästhetische, Schöpferische gehende.

Die letztere (Hartlaub u. a.) glaubt irrigerweise, daß alles nur auf die Förde-
rung der freien Phantasiebetätigung ankommt.

Hilker hat gezeigt, daß diese nicht das Entscheidende ist; entscheidend ist
vielmehr die Gestaltung. In der Kinderkunst geschieht aber ihre Entwicklung gesetz-
mäßig bis zum 9.—10. Jahr, zur sogenannten gemischt erscheinungsmäßigen Stufe
(Kerschensteiner). Parallelen aus der allgemeinen Kunstentwicklung der Menschheit

liegen hier vor.

Paul Menzer:

Wenn wir Hilkers Ausführungen betrachten, so ist vom Standpunkt der Psycho-
logie geltend gemacht worden, was die Phantasietätigkeit bedeutet und wie man
sie anregen kann, aber der eigentliche erzieherische Gedanke ist dabei in den Hinter-
grund getreten. Die heutige Bewegung und Literatur lebt zu sehr von den Fehlern
der Vergangenheit. Als ich nach 25 Jahren das Gymnasium betrat, das ich als
Schüler besucht hatte, war ich entsetzt. Wenn immer darauf hingewiesen wird, was
die Vergangenheit gesündigt hat, so ist das eine Hilfe für eigene Anschauungen.
Jetzt ist es an der Zeit zu fragen, inwiefern die Kunst erziehen kann und in welchem
Maße sie erziehen kann. Spranger weist in seiner Jugendpsychologie mit Recht
darauf hin, daß eine bestimmte Art künstlerischer Erziehung für das Kind geradezu
gefährlich werden kann, wie die Art des romantischen Erlebens. Ich fordere, daß
wir mit unbedingtem Ernst die pädagogische Frage, die einst Schiller stellte, wieder
aufnehmen und dabei auch der Worte Goethes eingedenk sind:

»Jüngling, merke dir bei Zeiten,

Wo sich Geist und Sinn erhöht,

Daß die Muse zu geleiten,

Doch zu leiten man nicht versteht.«

Schlußwort.
Franz Hilker: Wulff hat mich falsch verstanden, wenn er meinte, ich wolle den
gesetzmäßigen Verlauf der Entwicklung in der Kinderkunst bestreiten. Meine Meinung
ist allerdings in den eigentlichen kunsterzieherischen Problemen verschieden von der-
jenigen Wulffs. Menzer bemerkte, daß bei meiner Darstellung erzieherische Gedanken
in den Hintergrund getreten seien. Absichtlich habe ich das getan, weil diese Dinge bis-
her schon fast zuviel besprochen wurden. Meine Auffassung der Kunsterziehung wendet
sich gerade gegen das romantische Genießen, indem sie darlegt, wie junge Menschen
durch eigenes Gestalten zur vertieften Erfassung der künstlerischen Wirkungen und
Mittel geführt werden können. In allen diesen Ausführungen habe ich weniger an be-
stimmte pädagogische Bewegungen gedacht, als an die allgemeinen Aufgaben einer
schöpferischen Jugenderziehung. Man muß der kindlichen Entwicklung keinerlei Ziele
und Wege vorausbestimmen, sondern die Kräfte sich frei entfalten lassen. Es wäre
der Mühe wert, die verschiedenen Auffassungen der künstlerischen Erziehung in
e|ner ausführlicheren Behandlung einmal gegen einander abzuwägen und zu klären.

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. XIX. 22
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