Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft: Zweiter Kongreß für Ästhethik und allgemeine Kunstwissenschaft Berlin, 16.-18. Oktober 1924 — 19.1925

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366 FRITZ BÖHME.

anders geworden waren. Das unmittelbar Schöpferische war also auf
diesem Wege nicht in Aktion getreten.

Hier setzte nun ein klareres Erkennen ein. Man sah, daß die Kunst-
formen der Musik nicht denen des Tanzes adäquat sind, daß der rhyth-
mische Ablauf und Aufbau des Tanzwerks andere Formen hat als der
der Musik, daß die Musik mit ihrer Oefühlsbetontheit der Willens-
betontheit des Tanzes im Wege sein mußte. Man sah ferner ein, daß
man mit Hilfe der Musik zu keiner Bemeisterung der körpertechnischen
Probleme kam, daß zum mindesten eine technische Bereitmachung
vorangehen müßte. Und man versuchte nun diesen Weg: man arbeitete
ohne Musik oder höchstens unter Zuhilfenahme rhythmischer Schlag-
instrumente, man emanzipierte sich also von musikalischen Inhalten
und ließ schließlich auch die zeitliche Einteilung durch äußere Geräusch-
betonungen fort. Damit hatte man aber den Weg frei gemacht. Nun
erst konnte man das ganze Gebiet der Tanzkunst neu erschließen.

Mit diesem schweren Weg, der von dem Tänzer rastlose Energie,
Einarbeitung in eine unerschlossene Körpertechnik und unbeirrte Wahr-
haftigkeit forderte — mit diesem Weg war nun aber auch die Basis
gegeben, von der aus der Tanz als Kunst neu erwachsen konnte.
Man fühlte mit einem Male unendliche Hilfen und Verwandtschaften
erstehen: man fand den Zugang zu dem primitiven Tanz, man ver-
stand fremde Tanzformen, man lernte zu unterscheiden, zu sehen, man
hatte ja all diese Dinge, die früher ungelöste Rätsel waren, am eigenen
Körper erlebt. Es bahnte sich also auch ein Verständnis für fremde
Tanzkulturen an: man verstand die Tänze der Derwische, man sah,
was bei Negertänzen am Werke war, man sah alte Tanzdarstellungen
in Bild und Plastik mit anderen Augen an. Und alle diese Dinge be-
lebten und befruchteten den Bewegungstrieb und gaben ihm den Mut
zum Wagnis eigener Formen. Ja man fand sogar den Weg zurück zum
Verständnis des Zeremoniellen, man erkannte, was am Ballett ursprüng-
liches Gut war und kam durch all dieses zu einer Klarheit und Freiheit,
zu dem Bewußtsein, daß die Entwicklung des Tanzes ein großer breiter,
wenn auch oft gehemmter Strom gewesen sei, und daß das, was heute
als neuer Tanz sich mühevoll ans Licht ringt, Krönung von Ent-
wicklungen sei, die in die ältesten Zeiten zurückreichen. Und dieses
Bewußtsein stärkte wiederum und erbrachte die Überzeugung von der
Berechtigung, die Erlebniswelt des Tänzers in eigener Sprache zum
Ausdruck zu bringen.

So ist es ersichtlich, daß der musiklose Tanz (als die Besinnung
auf ein eigenbegrenztes Kunstgebiet) die Keimzelle zu der Entwicklung
der Tanzkunst in unseren Tagen gewesen ist.

Eine weitere Frage ist die: ist nun der musiklose Tanz die einzige
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