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Zeitschrift für christliche Kunst — 1.1888

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Keppler, Paul Wilhelm von: Die Stiftskirche zu St. Amandus in Urach
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https://doi.org/10.11588/diglit.3545#0017

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13

18S8.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 1.

14

steht.]) Irrthümlich las man nämlich das
erste Wort der obigen Unterschrift „san"
= sanctus, aber sowohl die genaue Be-
trachtung des ersten Buchstabens als
namentlich auch die Stellung des Wortes
vor „parisiensis" erhebt über allen Zweifel,
dafs nur die obige Lesart richtig sein
kann. Die Kanzel hat noch das Eigen-
thümliche, dafs sie auffallend niedrig ist;
man fühlte im XVII. Jahrhundert das Be-
dürfnifs einer Erhöhung; anstatt aber etwa
den Fufs auf einen höheren Sockel zu
stellen, wagte man die Brüstung zu erhöhen
und sich in einen plastischen Wettstreit
mit dem Meister der Kanzel einzulassen,
. der Aufsatz wurde mit kleineren Nischen,
die Symbole der Evangelisten enthaltend,
ausgestattet, der Kanzelboden erhöht.
Nichts lehrreicher und erheiternder als
dieses Kunstturnier des XV. und XVII.
Jahrhunderts! Dort das scharfe Instrument,
von starker Hand und wuchtigem Hammer
geleitet, den Stein durch die Uebermacht
des Geistes bezwingend und die Materie
zum Bilde des Geistigen nöthigend; hier
ein stumpfer Meifsel, von entnervter Hand
geführt, auf dem Stein herumkratzend und
unfähig, ihm etwas anderes zu entlocken als
eben wieder kalten Stein. Viel tüchtiger
ist das hölzerne Kanzeldach von lf>32,
das in drei Etagen mit vielen Figürchen
thurmförmig sich aufbaut.

Als drittes Meisterwerk reiht sich an
der Betstuhl des Grafen Eberhard2), aus
Eichenholz, schon 1472 gefertigt. Er hat
an reicher Ausstattung nur noch ein wür-
diges Gegenstück im Lande: den Abtstuhl
in Maulbronn. Die gothischc Zierkunst
umwebt und umrankt hier eine kräftige
Konstruktion mit ihren feinen und geist-
vollen Gebilden. Der Stuhl besteht aus
zwei auf gemeinsamem Suppedaneum

') Vergl. „Württemb. Vierteljahrsh." 18T8, S. 127 ff.;
der Irrthum ist auch in die neueste Auflage von Otte's
„Handbuch der kirchlichenKunstarchäologie" I, S. 290
übergegangen.

2) Abbildung bei Heideloff „Ornamentik" Heft 4,
mit Details. Schöne Photographie v. Sinner in Tübingen.

verbundenen Theilen, dem Betpult mit
(dem jetzt fehlenden) Knieschemel und der
tiefen Sitz- und Stehnische, durch zwei
Seitenwangen und das Dorsal gebildet und
von reichem Baldachin mit luftigem Thürm-
chen bekrönt. Das Betpult hat sehr kräf-
tige, an der Seite mit geschnittenem Laub-
werk verzierte, oben mit kräftigem Blatt-
werk schliefsende Wangen. Die vordere
Brüstung schmückt ein Relief: die Ver-
spottung Noe's durch Cham; Noe liegt
unter einem Weinstock und wird von einem
seiner Söhne zugedeckt, während Cham
auf der Seite seinem frevlen Spott die Zügel
schiefsen läfst; die Gestalt des letzteren
mit seinem tölpelhaften Lachen hat etwas
Drolliges an sich. Man wollte die Wahl
des Gegenstandes auf eine bufsfertige Er-
innerung des frommen Grafen an seine
etwas wilde Jugend zurückführen; aber
wir begegnen dieser Scene auch an den
Chorstühlen von Maulbronn und Herren-
berg3), und Weinlaub und Weinstock sind
auch sonst das Lieblingsornament für der-
artiges Gestühl. Die hohen Seitenwangen
der Rückwand sind innen und aufsen mit
Reliefs: St. Petrus, Madonna und Barbara
und geschnitztem Laubwerk reich aus-
gestattet; theilweise ist dieses Laubwerk
auch durchbrochen, wodurch man zu der
seltsamen Vermuthung kam, der Stuhl sei
ein Beichtstuhl.4) Auf der Rückwand Spruch-
band mit dem Wahlspruch des Grafen:
„Attempto" ; darunter die Inschrift: „Eber-
hardus Comes de Wirtemberg et de Monte
Pelligardo (Mömpelgard) 1472". Die Krö-
nung, gebildet aus krabbenbesetzten, reich-
gefüllten Wimpergbögen und Fialen wölbt
sich über die Nische heraus und vom ebenen
Dach des Baldachins aus schwingt sich
noch ein vierseitiges, von Streben mit
Schwibbogen flankirtes Thürmchen mit
achtseitiger durchbrochener Pyramide
kühn und fröhlich auf; in der Thurmnischc

3) Die symbol. Beziehung auf Christus ist bekannt
(vergl. August, de civ. dei 1. XVI. c. II).

*) So wird er genannt in den „Württemb. Viertel-
jahrsheften" 1878, S. 128.
 
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